Schriftzug ETA an einer Mauer | Bildquelle: Reuters

Europas Kulturhauptstadt San Sebastian ringt mit seiner Vergangenheit

Stand: 23.01.2016 17:08 Uhr

Das spanische San Sebastian feiert sich als Europas Kulturhauptstadt. Doch die Vergangenheit ist weniger strahlend: Jahrzehntelang verbreitete die ETA Terror in der heutigen Touristenmetropole. Mit der Aufarbeitung dieser Zeit tut sich vor allem die Politik schwer.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

Mit dem Motto "Cultura para Convivir", was übersetzt "Kultur zum Zusammenleben" heißt, will San Sebastian ein Beispiel für Versöhnungskultur setzen. Jahrzehntelang war das Baskenland Schauplatz von Gewalt, bis die Terrorgruppe Euskadi Ta Askatasuna (ETA) vor fünf Jahren einen Waffenstillstand verkündete. Mit der Kulturhauptstadt will San Sebastian die düstere Zeit endgültig hinter sich lassen. Doch die Wunden sind noch frisch.

Es ist der 20. Oktober 2011. In einer Videobotschaft sitzen drei Menschen an einem Tisch, hinter ihnen die Fahne der ETA. Alle tragen sie weiße Masken und Baskenmützen. "Es ist Zeit, mit Hoffnung in die Zukunft zu schauen  - und verantwortungsvoll und mutig zu handeln. Deswegen hat die ETA beschlossen, den bewaffneten Kampf endgültig zu beenden", verkündet einer von ihnen.

Drei maskierte ETA-Mitglieder | Bildquelle: dpa
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Drei maskierte ETA-Mitglieder teilten 2011 in einer Videobotschaft den Waffenstillstand mit.

Terror der ETA forderte rund 800 Todesopfer

Jahrzehntelang hatten die Terroristen erpresst und gemordet - vorgeblich im Kampf für ein unabhängiges Baskenland. Mehr als 800 Menschen waren der Gruppe zum Opfer gefallen, unter ihnen vor allem Sicherheitskräfte und Politiker. Nun gab die ETA auf. Wohl vor allem, weil Polizei und Justiz einen immer härteren Kampf gegen die Organisation führten. Und weil der Rückhalt in der Bevölkerung immer mehr schwand.

ETA

Die "Euskadi Ta Askatasuna" (Baskenland und Freiheit, ETA) entstand 1959 im Kampf gegen die Franco-Diktatur. Seit ihrem dritten Kongress im Jahr 1964 gehört der "revolutionäre Krieg" für die nationale und soziale Befreiung der Basken zum Programm der ETA. Mehr als 830 Menschen kamen in den vergangenen vier Jahrzehnten durch die ETA ums Leben.

1987 gab es bei einem Anschlag auf ein Kaufhaus in Barcelona mit 21 Toten die bisher meisten Todesopfer. Eine der spektakulärsten Aktionen war 1973 die Ermordung des spanischen Ministerpräsidenten Luis Carrero Blanco. EU und USA stufen die ETA als Terrororganisation ein.

Bis heute kämpft die ETA für ein unabhängiges, sozialistisches Baskenland. Die Autonomieforderung bezieht sich auf das gesamte Baskenland, inklusive die Baskenprovinzen in Frankreich und die Nachbarprovinz Navarra. Das spanische Baskenland hat seit 1979 eine eigene Regierung, ein Parlament und eine eigene Polizei.

Die Basken waren der Gewalt müde, sagt Jonan Fernández, Friedensbeauftragter der baskischen Regierung: "Die baskische Gesellschaft hat Jahrzehnte politischer Spannungen ertragen müssen, sie litt unter einem permanenten Stress. Nach der Ankündigung der ETA konnte die Gesellschaft aufatmen, sich entspannen. Es ist schwer zu sagen, ob heute noch 20 oder 120 Menschen in der ETA sind. Sicher ist, dass es nur noch wenige aktive Mitglieder gibt."

Schutzgelder kassiert, Gegner ermordet

Das war in den 1990er-Jahren noch anders. Damals war etwa die Altstadt von San Sebastian eine Hochburg der ETA. In Kneipen wurde Geld für die Terrorgruppe gesammelt, viele Barbesitzer mussten Schutzgeld zahlen oder sie spendeten freiwillig. Die Restaurants der Altstadt waren für Politiker ein riskantes Terrain.

Anschlag in Bilbao | Bildquelle: AFP
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Immer wieder verübte die ETA Anschläge - mit Sprengstoff wie 2003 in Bilbao...

Eine Autobombe explodierte im südspanischen Santa Pola | Bildquelle: AP
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... oder durch Autobomben, hier im südspanischen Santa Pola im Jahr 2002.

In einem wurde der Vizebürgermeister von San Sebastian, Gregorio Ordonez, erschossen: beim Mittagessen, im Januar 1995. Für den jungen Basken Borja Semper war das ein Schlüsselmoment. Der Bürgermeister war für ihn ein Idol. Ordonez hatte versucht, der ETA die Stirn zu bieten, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Der Mord schockte Semper so sehr, dass er selbst in die Politik ging. Er wurde Stadtverordneter für die konservative Volkspartei. "Ich wäre nie Politiker geworden, wenn ich anderswo gelebt oder wenn die ETA nicht existiert hätte", sagt Semper. Bereits von Beginn seiner politischen Laufbahn an - mit gerade einmal 19 Jahren - habe er einen Bodyguard gehabt: "Wenn ich ein Drogenschmuggler in Südamerika oder, sagen wir, Angela Merkel gewesen wäre - na gut! Aber ein junger Kerl, der als Jura-Student mit Personenschützern in die Uni geht. Und sie begleiten mich immer noch."

Semper traut dem Frieden noch nicht ganz. Für ihn ist die Geschichte der ETA noch lange nicht vorbei. Die Gewalt habe zwar aufgehört, aber eine Aufarbeitung habe bisher kaum stattgefunden. Es gebe keine Diskussion im Baskenland, warum die ETA so lange habe existieren können, welch fruchtbarer Nährboden der baskische Nationalismus gewesen sei, den einige Politiker hier kultivierten.

Politiker sind nicht bereit, zurückzuschauen

Der Friedensbeauftragte Fernandez kommt zu einer ähnlichen Analyse, auch wenn er selbst aus dem Umfeld der "Izquierda Abertzale", der linken Nationalisten kommt: "Die linken Nationalisten erkennen zwar an, dass viele Menschen gelitten haben. Aber viele sind nicht in der Lage zuzugeben, dass das Leid, das die ETA verursacht hat, ungerechtfertigt war. Sie bekennen sich zu Menschenrechten und Gewaltfreiheit - sind aber nicht bereit, zurückschauen."

Tatsächlich vermeiden es viele Politiker im Baskenland immer noch, ETA-Mitglieder als Terroristen zu bezeichnen. Über die ETA wird man in manchen Kneipen der Altstadt noch immer kein böses Wort hören. Und nach wie vor fällt es vielen Basken nicht leicht, über die Zeit des Terrors zu sprechen. Das könnte die Kulturhauptstadt mit ihrem Motto für ein Miteinander ändern.

Das hofft auch der Bürgermeister von San Sebastian, Eneko Goia. Das Motto sei gut gewählt, meint er: "Es zeigt, dass unsere Gesellschaft alte Zeiten überwinden will. Wir haben harte Jahre hinter uns." Deshalb sehe er in der Kultur ein Werkzeug, um das Zusammenleben wieder zu erlernen. "Uns würde es freuen, die Welt an unseren Erfahrungen teilhaben zu lassen, zu zeigen, dass die Kultur helfen kann, das Zusammenleben zu fördern. Gerade in diesen Zeiten ist das so wichtig wie nie zuvor", sagt Goia.

Das Vermächtnis der ETA: San Sebastian ringt mit seiner Vergangenheit
Marc Dugge, ARD Madrid
23.01.2016 11:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Januar 2016 um 20:00 Uhr.

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