Interview

Kosovo Koschnick

Interview mit Hans Koschnick zum Kosovo "Es könnte zu größeren Gewaltausbrüchen kommen"

Stand: 17.02.2008 03:38 Uhr

Das Kosovo hat seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die meisten EU-Staaten und die USA unterstützen dies als einen Schritt, um dem Balkan langfristig den Weg nach Europa frei zu machen. Serbien und Russland lehnen die Loslösung aber strikt ab. Noch immer bestimmen alte Vorurteile die Verhältnisse der Nachbarstaaten zueinander. Zwar wollten sie alle in die EU, aber ohne den Nachbarn, sagt der Balkan-Experte Hans Koschnick im Gespräch mit tagesschau.de. Der ehemalige Bürgermeister von Bremen war von 1994 bis 1996 EU-Administrator für die Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina.

tagesschau.de: Herr Koschnick, ist die Unabhängigkeit der richtige Weg, den Konflikt zwischen dem mehrheitlich von Albanern bewohntem Kosovo und Serbien zu lösen?

Koschnick: Ich bin nicht sicher, ob es der richtige Weg ist, aber ich weiß, dass ein Verharren im alten Zustand auch nicht gut ist. Es ist ungemein schwierig, eine wirklich glaubwürdige Antwort für den Balkan zu finden. Denn eins habe ich gelernt während meiner Arbeit dort: Wenn es nicht sehr schnell und unmittelbar nach den Kampfhandlungen zu Lösungen kommt, werden sich die alten verkrusteten Strukturen wieder in Vorurteilen verfestigen. Das ist im Kosovo geschehen.

Hans Koschnick | Bildquelle: dpa
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Hans Koschnick 1996 auf der provisorischen Hängebrücke von Mostar. Er versuchte zwei Jahre zwischen Christen und Muslimen zu vermitteln. In dieser Zeit entgeht er nur knapp zwei Anschlägen auf sein Leben.

tagesschau.de: Wie soll man angesichts dieser Situation mit Serbien umgehen?

Koschnick: Europa braucht Serbien, wenn es eine langfristige Lösung für den gesamten Raum in Südosteuropa geben soll. Die Serben brauchen umgekehrt die Europäer, denn sie werden nicht optimal vorankommen, wenn sie nur auf ihre Beziehungen zu Moskau setzen. Die ökonomischen Fragen und die Perspektiven für die Menschen in Serbien setzen ein gutes Verhältnis zu Europa voraus.

Vorurteile bestimmen das Verhältnis zu den Nachbarn

tagesschau.de: Geht das Kalkül der EU auf, das Kosovo und Serbien langfristig in die EU aufzunehmen und damit die Grenzfrage mehr oder weniger hinfällig werden zu lassen?

Koschnick: Wir müssen begreifen, dass die Lösung für den ganzen Balkan nicht nur eine Frage zwischen Serbien und Kosovo oder Serbien und Montenegro ist, sondern auch eine Frage, in welchem Umfang es den Europäern gelingt, diesen Raum zu europäisieren. Nachbarschaft allein wird bei den Vorurteilen, die in diesem Raum herrschen, nicht helfen. Aber Europa kann tragfähig sein. Wir haben das interessante Phänomen, das alle dort nach Europa wollen, aber möglichst ohne den Nachbarn. Mit diesem Problem müssen die Europäer fertig werden und das setzt Zeit voraus.

Überlebensfähigkeit - nicht nur eine Frage für das Kosovo

tagesschau.de: Ist denn das Kosovo als eigenständiger Staat überlebensfähig?

Koschnick: Ich habe da große Zweifel. Aber die Lebensfähigkeit allein ist kein Argument, weil es auch andere Staaten gibt, für die dies fraglich ist. Ist Moldawien lebensfähig? Sind die Mazedonier, wenn sie nicht zusammen bleiben wollen, wirklich lebensfähig? Was ist mit Zypern?

Was die Lebensfähigkeit des Kosovo anbelangt, bin ich dann besorgt, wenn die Europäer keine gemeinsame Antwort finden. Wenn wir aber um des Friedens willen sagen, wir helfen einem solchen Staat über die Runden, dann ist ein eigenständiger Staat möglich.

Kosovo, Serbien
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Kosovo, Serbien

"Man muss sich nicht lieben"

tagesschau.de: Werden die Investoren denn jetzt - nach der Erklärung der Unabhängigkeit - kommen, wie es immer wieder beschworen wurde?

Koschnick: Es kommt ganz darauf an, ob die Staaten, die die Selbständigkeit des Kosovo unterstützen werden, Sachwalter der Interessen von Privateigentümern sind. Eines der Probleme des Kosovo ist, dass einige der früheren Eigentümer der Güter und Rohstoffe in Konzernen und Holdings in Belgrad sitzen. Und sollte es auf dem Balkan wieder zu Gewaltausbrüchen kommen, dann geht zu Recht niemand mehr dahin.

tagesschau.de: Besteht denn die Gefahr, dass Gewalt ausbricht?

Koschnick: Ja, im Kosovo ist das Potenzial dazu da. Möglicherweise gibt es aber auch durch das Einwirken der Europäer eine Chance, die Bevölkerung für ein friedliches Nebeneinander zu gewinnen. Ich diskutiere schon lange nicht mehr über das Miteinander, sondern darüber, ob es die Chance eines friedlichen Nebeneinanders gibt. Man muss sich nicht unbedingt lieben, wenn man friedlich nebeneinander lebt, aber man muss den Willen haben, ohne Gewalt die Nachbarschaftsverhältnisse zu klären.

tagesschau.de: Nicht nur im Kosovo leben viele Albaner, auch in anderen Staaten auf dem Balkan gibt es albanische Bevölkerungsgruppen. In Mazedonien sind es 25 Prozent der Bevölkerung. Was ist mit ihnen?

Koschnick: In Mazedonien beginnt das Problem: Werden die Albaner mit den Mazedoniern zusammen einen Staat aufbauen und nicht nur in Abgrenzung zu ihnen leben? Werden die kleinen Gruppen in Montenegro das Gleiche tun? Wird es in Serbien ruhig bleiben, wo ja auch noch einige Albaner leben? Das sind offene Fragen, die mit dieser Selbständigkeitserklärung verbunden sind. Und dann prüfen Sie einmal, wie viele albanische Bevölkerungsteile in Griechenland  entlang der Grenze zu Mazedonien und Albanien leben. Deswegen sind ja die Griechen auch so vorsichtig.

Die Schubfächer der Geschichte sollten zubleiben

tagesschau.de: Sind die Warnungen Russlands gerechtfertigt, dass mit der Anerkennung der einseitig erklärten Unabhängigkeit des Kosovo die "Büchse der Pandora" geöffnet werde?

Der Balkan-Experte Hans Koschnik | Bildquelle: dpa
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Hans Koschnick sieht die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo mit Skepsis. Doch hält er Frieden auf dem Balkan für möglich, wenn sich die EU engagiert.

Koschnick: Ich glaube nicht, dass dies der unmittelbare Anlass ist. Die Russen weisen natürlich darauf hin, dass sie ein Tschetschenien-Problem haben, dass es in Georgien Probleme gibt. Die Chinesen haben ihr Problem mit Tibet. Oder Spanien: Da gibt es die Konflikte mit dem Baskenland und Katalonien. In vielen Ländern wie Rumänien, der Slowakei, Ungarn und Zypern suchen Gruppen nach eigenständigen Lösungen. Die Probleme in Frankreich sind in Bezug auf Korsika und die Bretagne zwar weitgehend gelöst, aber ob dauerhaft, wer weiß das? Die Frage ist, können wir in Europa eine Konzeption entwickeln, so dass wir untereinander kooperieren und Frieden schaffen, statt auf die alten Schubfächer der Geschichte zurückzugreifen, um die Vorurteile von gestern wieder zu aktivieren.

tagesschau.de: Hätte man von vornherein einen anderen Weg für das Kosovo wählen sollen?

Koschnick: Meine Hoffnung war, dass wir eine europäische Lösung für den ganzen Balkan-Raum finden, um danach die Aufteilung in die Republiken anzugehen. Das ist aber alles vorbei. Es ist Schnee von gestern, vergossene Milch. Nun bleibt nur ein Weg, eine Lösung für das Kosovo zu finden: Die serbische geht nicht und die kosovo-albanische wird große Schwierigkeiten bereiten. Man hat sich entschieden, den Weg der kosovo-albanischen Seite mitzugehen. Jetzt muss das durchgestanden werden. Aber man muss sich immer wieder fragen, ob man damit nicht die "Büchse der Pandora" geöffnet hat.

Die Fragen stellte Silvia Stöber, tagesschau.de

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