Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi | Bildquelle: AFP

Anschläge auf Kopten "Al-Sisi ist ein schwacher Präsident"

Stand: 10.04.2017 17:38 Uhr

Die Kopten zählten zu den treuesten Anhängern des ägyptischen Staatschefs, erklärt ARD-Korrespondent Volker Schwenck im Gespräch mit tagesschau.de. Doch al-Sisi kann ihre Sicherheit nicht garantieren. Das könnte für ihn gefährlich werden.

tagesschau.de: Drei Anschläge wurden in den vergangenen Monaten auf die koptischen Christen in Ägypten verübt. Wie steht es um die Sicherheit der Religionsgemeinschaft?

Volker Schwenck: Vor jeder Kirche stehen Polizisten, vor fast jeder Kirche gibt es Metalldetektoren. Das macht sofort sichtbar, dass die christliche Minderheit einem Risiko ausgesetzt ist. Und es hat sich gezeigt, dass diese Sicherheitsvorkehrungen offensichtlich nicht ausreichen. Den Christen ist die Gefahr sehr bewusst. Alle Kopten rechnen damit, dass es während der Oster-Feiertage noch weitere Anschläge geben kann. Sie wollen sich davon aber nicht einschüchtern lassen. In die Kirche gehen sie trotzdem.

alt Volker Schwenck

Zur Person: Volker Schwenck

Volker Schwenck (SWR) leitet seit Januar 2013 das ARD-Auslandsstudio in Kairo. Zuvor arbeitete er für ARD Aktuell und als Korrespondent in Genf. 2011 führten ihn zwei Reportage-Reisen nach Libyen.

tagesschau.de: Aufgrund dieser Sicherheitsmängel hat Ägyptens Präsident al-Sisi nach den jüngsten Anschlägen den Ausnahmezustand verhängt. Reicht das, um die Kopten zu schützen?

Schwenck: Der Ausnahmezustand ist ein immer wieder angewandtes Rezept in Ägypten. Unter Präsident Mubarak war er über Jahrzehnte in Kraft - und er war nie wirklich erfolgreich im Kampf gegen islamistischen Terror.

Die Sicherheitskräfte und die Polizei haben bereits jetzt sehr weitreichende Freiheiten. In den Polizeidienststellen sind Misshandlungen bis hin zu Folter durchaus an der Tagesordnung, weshalb es ja auch immer wieder heftige Kritik von Menschenrechtsorganisationen am Vorgehen der Sicherheitsbehörden gibt. Trotzdem hat der islamistische Terrorismus in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Es ist also alles andere als erwiesen, dass noch mehr Freiheiten für die Polizei die Terrorgefahr im Land vermindern würde. Trotzdem muss man sich darauf einstellen, dass es weitere Einschnitte in die Rechte der Ägypter geben wird - und die Menschenrechtslage im Land ist schon heute eher schlecht.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt die christliche Minderheit heute in der ägyptischen Gesellschaft?

Schwenck: Die Kopten sind schon seit Jahrzehnten immer wieder ein Ziel für politisch motivierte Gewalt. Es gibt immer wieder Übergriffe - vor allem in Oberägypten. Da gibt es konkrete Konflikte, etwa in Eigentumsfragen oder bei Liebesgeschichten, die dann religiös überhöht und sehr gewalttätig ausgetragen werden können.

Man muss aber auch festhalten: Es gibt in Ägypten keine Christenverfolgung. Es gibt keinen Glaubenskrieg zwischen Muslimen und Kopten. Es gibt allerdings Diskriminierung im Alltag. Aber einige Christen sind sehr aktiv in der Wirtschaft und sehr wohlhabend. Und für Präsident al-Sisi ist die Unterstützung der Kopten sehr wichtig. Sie waren seine treuesten Anhänger, weil er den islamistischen Präsidenten Mursi gestürzt hat. Doch diese Verehrung bröckelt langsam, da er offensichtlich nicht in der Lage ist, die Kopten zu beschützen.

Koptisch-orthodoxe Kirche

· Eine der ältesten Religionsgemeinschaften der Welt
· Gegründet von Evangelist Markus in Ägypten ("koptisch" bedeutet "ägyptisch")
· Oberhaupt ist der koptische Papst
· Größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten
· Weltweit etwa 10 - 15 Millionen Kopten
· circa neun Millionen Kopten in Ägypten (etwa zehn Prozent der Bevölkerung)

tagesschau.de: Warum sind die Kopten für al-Sisi so wichtig?

Schwenck: Sisi ist im Moment ein schwacher Präsident. Nach dem Sturz von Mursi hatte er fast märchenhafte Zustimmungswerte. Die sind mittlerweile geradezu abgestürzt, denn es ist ihm nicht gelungen, die Lebensbedingungen für die meisten Ägypter zu verbessern. Wenn ihm jetzt auch noch die Unterstützung der Kopten wegbricht, dann verliert er noch mehr an Rückhalt - und das in einer sehr schwierigen Phase für das Land. Ägypten führt Krieg gegen islamistische Terroristen. Ägypten hat eine sehr schwache Wirtschaft. Das Land braucht dringend Reformen, die weitere Opfer vor allem von den ärmeren Teilen der  Bevölkerung verlangen werden - und ein schwacher Präsident kann solche Dinge nicht durchsetzen. Deswegen besucht Sisi demonstrativ die Christen, um ein Gefühl von Einigkeit im Land herzustellen. Doch auch die Unterstützung der Kopten bröckelt eben.  

Volker Schwenck, ARD Kairo, mit einer Einschätzung zu den Anschlägen
tagesthemen 22:45 Uhr, 09.04.2017

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tagesschau.de: Hat diese Unterstützung für Sisi gegen den Islamisten Mursi dafür gesorgt, dass die Kopten nun auch von Dschihadisten ins Visier genommen wurden?

Schwenck: Ich glaube nicht, dass das heute noch eine große Rolle spielt. Das Thema Mursi ist in Ägypten heute sehr weit weg. Es gab nach dem Sturz von Mursi im Jahr 2013 und der blutigen Räumung von Unterstützercamps viele Übergriffe auf Christen. Damals gingen Dutzende Kirchen in Flammen auf, Kopten wurden zusammengeschlagen - es gab auch Tote.

Die Situation hat sich seitdem deutlich beruhigt. Es scheint mir deshalb nicht sehr wahrscheinlich, dass die Unterstützung von Sisi gegen Mursi heute der wahre Grund für die derzeitigen Anschläge sein soll. Der hiesige Ableger der Terrororganisation "Islamischer Staat" braucht einfach einen Feind, gegen den er sich wenden kann. Neben dem Staat bieten sich für ihn die Christen als gut sichtbare Minderheit eben an, da in der kruden IS-Ideologie alles der Feind ist, was nicht IS ist.

tagesschau.de: Wie reagiert die muslimische Bevölkerung Ägyptens auf den Terror gegen die Kopten?

Schwenck: Der "Durchschnittsmuslim" in Ägypten ist über diese Anschläge genauso entsetzt und angeekelt wie jeder koptische Christ. Es gibt hier in Kairo ein Stadtviertel mit dem Namen Shubra. Dort leben Christen und Muslime wirklich Tür an Tür, und die Anschläge werden über die Glaubensgrenzen hinweg scharf verurteilt. Ein Muslim, mit dem wir dort gesprochen haben, hat uns gesagt: Wenn hier eine Bombe explodiert, dann trifft sie zwei Muslime und vier Christen - denn sie leben gemeinsam in einem Haus. Das ist nicht überraschend, denn die überwältigende Mehrheit der ägyptischen Muslime hat mit der Ideologie des IS überhaupt nichts am Hut. Und man darf auch nicht vergessen: Die Polizisten und Soldaten, die auf dem Sinai vom IS umgebracht werden, sind in der Regel sunnitische Muslime. Das zeigt schon, dass der IS in Wirklichkeit keinen Glauben kennt. Er kennt nur Terror und Mord.

tagesschau.de: Besteht angesichts dieser angespannten Lage die Gefahr, dass ein großer Teil der Kopten Ägypten verlassen will?

Schwenck: Als Mursi an die Macht gekommen ist, zogen tatsächlich viele koptische Familien weg aus Ägypten. Damals gab es eine richtige Welle. Nach seinem Sturz kamen jedoch viele wieder zurückgekommen. Heute denken vor allem junge, gut ausgebildete Kopten über einen Abschied nach, denn viele finden aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage einfach keinen Job. Und wenn dann noch die Gewalt gegen Christen im Land immer weiter zunimmt, dann wird das die Jungen nicht unbedingt ermutigen, in diesem Land zu bleiben. Es gibt noch keine große Auswanderungswelle, aber wenn sich die Situation weiter verschärft, könnte diese Gruppe dem Land durchaus den Rücken kehren.  

Das Interview führte Julian Heißler, tagesschau.de

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. April 2017 um 22:45 Uhr.

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Julian Heißler Logo tagesschau.de

Julian Heißler, tagesschau.de

@pjheissler bei Twitter
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