Tausende fliehen vor Kämpfen im Osten des Kongos

Dramatische Situation im Osten des Kongos

Tausende auf der Flucht vor dem "Terminator"

Im Osten des Kongos wird seit Jahren erbittert gekämpft, jetzt hat die Gewalt eine neue Dimension erreicht. Tausende sind auf der Flucht vor den Anhängern des "Terminators" Ntaganda, dem zahlreiche Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Antje Diekhans hat ein Flüchtlingslager besucht.

Von Antje Diekhans, ARD-Hörfunkstudio Ostafrika

Es dauert eine Weile, bis die Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt haben. Durch verdreckte Oberlichter fällt nur wenig Licht in die riesige Halle. Dann lassen sich Menschen erkennen. Hunderte, die mit einfachen Matten auf dem Boden liegen. Sie sind vor neuen Kämpfen im Osten des Kongos geflohen. Täglich kommen mehr über die Grenze ins benachbarte Ruanda. Weil das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sie nicht mehr unterbringen konnte, wurde eine alte Milchfabrik in ein Lager umgewandelt.

Tausende fliehen vor neuen Kämpfe im Osten Kongos
A. Diekhans, ARD Nairobi
30.05.2012 08:04 Uhr

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Die meisten der Flüchtlinge haben kaum etwas mitgebracht. In aller Eile haben sie ihre Dörfer verlassen. "Es war einfach nicht mehr sicher", sagt Beata, eine Frau, die mit ihren fünf Kindern gekommen ist. "Unsere Nachbarn sind angegriffen worden. Soldaten haben ihr Haus gestürmt. Wir sind weggerannt."

Den Haag hat seit 2008 den "Terminator" im Visier

Der kongolesische Rebellenführer Bosco Ntaganda (Archivbild 2009)
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Dem "Terminator" werden zig Kriegsverbrechen vorgeworfen - hier ein Bild aus dem Jahr 2009.

Der Mann, der sie in die Flucht treibt, wird "Terminator" genannt. Richtig heißt er Bosco Ntaganda. Ihm werden zahlreiche Kriegsverbrechen vorgeworfen. Unter anderem sollen er und seine Anhänger Kinder entführt und zu Soldaten gemacht haben. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag stellte deswegen schon 2008 einen Haftbefehl gegen den "Terminator" aus.

Die kongolesische Regierung scherte das allerdings nicht. Statt den Rebellenführer auszuliefern, gliederte sie ihn und seine Kämpfer im Zuge eines Friedensabkommens in die Armee ein. Erst jetzt, nachdem der frühere Milizenchef Thomas Lubanga in Den Haag verurteilt wurde, bekam Kongos Präsident Joseph Kabila kalte Füße.

"Wer sich weigert, wird misshandelt"

Im April kündigte er an, Bosco Ntaganda solle verhaftet werden. Viele Anhänger des Rebellenführers desertierten daraufhin aus der Armee. Sie greifen Dörfer an, vergewaltigen Frauen, verschleppen Kinder. "Wenn du einen Sohn hast, nehmen sie ihn einfach mit", sagt Beata. "Wer sich weigert, wird misshandelt."

Viele der Flüchtlinge haben schon häufiger Überfälle und Plünderungen erlebt. Im Osten des Kongos kämpfen Rebellengruppen um die wertvollen Bodenschätze des Landes wie Diamanten, Kupfer und das für die Mobilfunkindustrie so wichtige Coltan.

Ein Mann in Militäruniform im Osten des Kongo.
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Militärs und Rebellen sind im Osten des Kongos kaum zu unterscheiden - sie tragen die gleichen Uniformen.

Doch dies sind in der Region die schwersten Auseinandersetzungen seit langem. Die Fronten lassen sich kaum erkennen. Denn alle - Militärs und die desertierten Rebellen - tragen die gleichen Uniformen. "Wir haben nur Regierungssoldaten gesehen", erzählt Vivienne, die unter den ersten Flüchtlingen war. "Sie haben Straßensperren errichtet. Und sie haben unsere Häuser geplündert."

"Die Situation im Lager ist schwierig"

Das Lager an der Grenze zu Ruanda ist eigentlich nur eine Übergangsstation. In den vergangenen Jahren wurde es als Anlaufstelle für Ruander genutzt, die zurück in ihr Heimatland wollten. Sie blieben meist nur einige Tage. Jetzt sind viele Flüchtlinge aus dem Kongo schon Wochen hier. "Die Situation im Lager ist schwierig", sagt Anouck Bronee vom Flüchtlingshilfswerk. "Es gibt nicht genug Platz. Dieses Transit-Zentrum ist nicht dafür ausgelegt, so viele Flüchtlinge zu beherbergen."

Flüchtlinge vor einem Lager im Osten des Kongo.
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Eine Milchfabrik wurde zum Flüchtlingslager umfunktioniert.

Etwa 9000 Menschen leben inzwischen in der früheren Milchfabrik und in Zelten. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser klappt zumindest im Moment noch gut. Aber es werden wohl noch mehr Flüchtlinge kommen. Auch Lager im Osten des Kongos quellen nach Angaben von Hilfsorganisationen schon über. Wer es in Sicherheit geschafft hat, will nicht zurück. "Weshalb sollte ich wieder in mein Dorf gehen?", sagt Vivienne. "Die Kämpfe, die mich hierher getrieben haben, sind noch lange nicht vorbei."

Stand: 30.05.2012 09:33 Uhr

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