Flüchtlinge an der österreichischen Grenze (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / HERBERT P. OC

Integration von Flüchtlingen Wien setzt auf den Kompetenzcheck

Stand: 13.01.2016 15:16 Uhr

Viele Asylverfahren und zu wenig Asylstatistik - das ist auch in Österreich ein Problem. Die Regierung hat nun die Qualifikationen von Flüchtlingen überprüft, mit überraschenden Ergebnissen.

Von Karla Engelhard, ARD-Studio Wien

Die Integration von Flüchtlingen soll auch in Österreich über den Arbeitsmarkt funktionieren. Nur wollen Arbeitgeber natürlich im Voraus wissen, welche Qualifikationen ein Bewerber mitbringt. Um herauszufinden, welche Flüchtlinge qualifizierte Arbeitskräfte sind und welche nicht, gab es vor kurzem eine Untersuchung vom Arbeitsmarktservice Österreich (AMS).

Der nennt dieses Verfahren "Kompetenzcheck" und führte ihn bei bislang 900 anerkannten Flüchtlingen in Wien durch. Die Ergebnisse zeigen: "Die" Flüchtlinge gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind die Menschen, die Asyl beantragen.

Die Bandbreite reicht vom gut ausgebildeten syrischen Arzt, der in seiner Heimat einen hohen Lebensstandard gewohnt war, bis zum Bauernjungen aus Afghanistan, der noch keine Schule gesehen hat. 

Gute Ausbildung in Syrien

Die Flüchtlinge werden nach ihren Qualifikation befragt. Dabei stellt sich raus, dass Menschen aus Syrien, dem Iran und dem Irak demnach am besten ausgebildet sind. Etwa die Hälfte von ihnen hat Abitur oder einen Studienabschluss.

Den größten Nachholbedarf gibt es bei Flüchtlingen aus Afghanistan. Johannes Kopf aus dem AMS-Vorstand erklärt: "Wir sehen, dass in Syrien, dem Irak und Iran die Kompetenz der zu uns fliehenden Menschen deutlich höher ist als erwartet. Wir haben einen sehr hohen Anteil von Menschen mit Matura, auch einen sehr hohen an Menschen mit einem Studium."

Auf der anderen Seite müssen man aber auch sagen, dass Menschen aus Afghanistan schlecht ausgebildet seien. "Wir haben hier rund 30 Prozent Menschen, die niemals in einer Schule waren", erklärt Kopf.

In Deutschland kennt man das Problem. Der Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Ulrich Grillo, sagte im Dezember, dass die Flüchtlingsintegration gut für den Deutschen Arbeitsmarkt sein könne, aber: "Wir brauchen qualifizierte Leute, und nicht alle sind qualifiziert."

BDI-Präsident Grillo will Flüchtlinge effizient in den Arbeitsmarkt integrieren
tagesschau 14:00 Uhr, 03.11.2015, Anke Hahn, RBB

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Nicht alle über einen Kamm scheren

Die Mehrheit der Flüchtlinge, die aus Afghanistan nach Österreich kommt, hat nicht nur keine Schule gesehen, auch ihre handwerklichen Fähigkeiten, zum Beispiel bei der Metallverarbeitung oder beim Bau, sind überholt. Aber sie sind auch sehr jung, im Durchschnitt keine 30 Jahre alt: "Diese Menschen zu integrieren wird eine Herkulesaufgabe."

Der Kompetenzcheck bei Flüchtlingen ist für die Integration der Menschen unverzichtbar und soll demnächst in ganz Österreich angeboten werden, um zu verhindern, dass alle Flüchtlinge über einen Kamm geschoren werden.

Österreichs Sozialminister Rudolf Hundstorfer hält viel von diesem Kompetenzcheck: "Aber er wird auch nicht alle Probleme lösen. Mit ihm wissen wir jedoch, was der Person fehlt und was die Person kann."

Frauen sind überraschend gut ausgebildet

Die Ergebnisse zeigen auch dass die Frauen unter den Flüchtlingen im Vergleich qualifizierter sind als die Männer. Mehr als ein Drittel der Frauen haben einen akademischen Titel.

Die 23-jährige Zubaeda Al Nasery aus Syrien kam vor drei Jahren nach Wien, bekam Asyl, lernte Deutsch und hat ein Praktikum in einem Bundesinstitut (Bundesamt) erfolgreich absolviert. "Im Bifie (Bundesinstitut) war ich zur Probe im Büro und finde, dass die Buchhaltung das beste für mich ist", erläutert sie.

Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind nicht schlecht. Der Kompetenzcheck für anerkannte Flüchtlinge soll flächendeckend auf ganz Österreich ausgeweitet werden. Laut Integrationsminister Sebastian Kurz ist ein Gesetz zu Anerkennung von im Ausland erworbener Qualifikationen wie das in Deutschland geltende Anerkennungsgesetz bereits in Arbeit.

Erster Kompetenzcheck bei Flüchtlingen in Österreich
K. Engelhard, BR, Wien
13.01.2016 14:06 Uhr

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