Kommentar

Geberkonferenz für Syrien Nur Frieden kann wirklich helfen

Stand: 04.02.2016 20:47 Uhr

Der Krieg in Syrien hat mit den Flüchtlingen das Herz Europas erreicht. Und Europa habe daher ein ureigenes Interesse daran, die Geldbörsen zu öffnen, meint Jens-Peter Marquardt. Doch die Milliarden könnten die Not allenfalls lindern.

Ein Kommentar von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass die internationale Staatengemeinschaft deutlich mehr Geld für die Flüchtlingshilfe bereitstellt. In den vergangenen Monaten langte das Geld nicht einmal für die Lebensmittel, die in den Lagern dringend benötigt wurden - die Geberländer hatten sogar die dürftigen Zusagen nicht eingehalten, die sie auf der Konferenz 2015 abgegeben hatten. Menschen in den Flüchtlingslagern verhungerten. Ein Armutszeugnis für die Weltgemeinschaft, das zur Folge hatte, dass der Flüchtlingsstrom aus Syrien noch stärker anschwoll.

Spätestens seitdem ist der syrische Bürgerkrieg auch im Herzen Europas und anderen Teilen der Welt angekommen. Es ist also auch im ureigenen Interesse der Länder außerhalb der Region, die Geldbörsen zu öffnen. Im deutschen Interesse zum Beispiel, wo aus dem "Wir schaffen das" inzwischen bestenfalls ein konditioniertes "Wir schaffen das, wenn es nicht noch mehr werden" geworden ist. Oder in Großbritannien, das sich mit der großzügigen Hilfe für Syrien und die Nachbarstaaten von der zumindest moralischen Verpflichtung freikaufen will, sich an einer gerechten Verteilung der Flüchtlinge in Europa zu beteiligen.

Zurückhaltung am Golf und in Moskau

Aber reichen die heute zugesagten Milliarden? Noch immer halten sich reiche Golfstaaten mit Hilfszusagen zurück - sie könnten mehr tun. Und Russland steckt die Rubel lieber in Bomben als in humanitäre Hilfsprogramme. Das verschlimmert die Lage eher, als dass es sie lindert. Die Menschen in Syrien fliehen auch vor den russischen Bomben.

Die Hilfsorganisationen können in und um Syrien die Not der Menschen ein bisschen lindern. Aber auch die heute zugesagten Milliarden können die Ursachen der Not nicht beseitigen. Das kann nur eine Friedenslösung in Syrien. Und die ist nach den erst einmal gescheiterten Genfer Friedensgesprächen außer Sicht geraten.

Jordanien und Libanon stehen vor dem Zusammenbruch

Die Hilfsmilliarden können die Not nur einigermaßen eindämmen. Man kann mit ihnen versuchen zu verhindern, dass noch weitere Länder zu "failed states" - zu gescheiterten Staaten - werden und auch dort Terroristen das Kommando übernehmen. Länder wie Jordanien und der Libanon stehen vor dem Zusammenbruch. 1,4 Millionen syrische Flüchtlinge im 6,5-Millionen-Einwohner-Land Jordanien, 1,5 Millionen im Vier-Millionen-Einwohner-Land Libanon - das können diese beiden Länder nicht schaffen, zumal sich unter diese Flüchtlinge auch immer mehr IS-Kämpfer mischen.

Der frühere Bundesverteidigungsminister Peter Struck hatte einmal gesagt, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Mit gleichem Recht könnte man heute sagen, die deutsche Sicherheit werde auch in Ländern wie dem Libanon und Jordanien verteidigt. Auch dafür werden die heute zugesagten Milliarden gebraucht.

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