Kolumbianische Flagge | Bildquelle: AFP

Kolumbien Es gibt keinen eleganten Weg zum Frieden

Stand: 02.12.2016 11:27 Uhr

Der Friedensvertrag zwischen kolumbianischer Regierung und FARC-Guerilla ist ein Fahrplan für eine extrem gespaltene Gesellschaft. Er ist die Basis für einen Neuanfang - die größten Herausforderungen stehen dem Land noch bevor.

Eine Analyse von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

Stimmt. Es war nicht der eleganteste Weg zum Friedensvertrag. In einem Parlament abstimmen lassen, in dem man die Mehrheiten besitzt - statt sich nochmal vor das Volk zu wagen, das schon einmal "Nein" gesagt hat. Man könnte auch sagen: Präsident Juan Manuel Santos hat das Abkommen gerade noch so durchgedrückt, um bei der Verleihung des Friedensnobelpreises nächste Woche nicht blöd da zu stehen. So kann man das sehen. Es ist eine sehr verkürzte Sicht der Dinge. Denn es gibt keinen eleganten Weg zum Frieden. Es gibt nur einen Weg, wann er beginnt; das lässt sich immer nur im Rückblick beurteilen. Die Alternative wäre Kapitulation vor der eigenen Geschichte, die seit Jahrzehnten nur Gewalt kennt.

Das "Nein" zum ersten Abkommen im Volksentscheid vom 2. Oktober war wie ein Freeze-Moment. Niemand schien damit gerechnet zu haben. Niemand wusste, was tun. Auch fast 6000 Kämpfer der Farc-Guerilla nicht, die sich nach wie vor bewaffnet in Wartestellung befinden. Davon haben die profitiert, die immer profitieren, wenn ein Machtvakuum entsteht - nicht nur in Kolumbien: Kriminelle Banden, Mafias, Menschen, die auf das Recht des Stärkeren setzen, nicht auf Gesetze und Verfassung. Denn die FARC-Guerilla sind nicht die einzigen Gewaltakteure in Kolumbien.

Kolumbien ist extrem gespalten

Die Zeit drängt. Die Lage im Land ist angespannt, der Staat muss Präsenz zeigen, gemachte Versprechen umsetzen, genauso wie die Guerilla. Dabei wird es enorme Hindernisse geben und neue Konflikte. Kolumbien ist extrem gespalten, und das übrigens auch nicht erst jetzt, sondern lang vor Beginn der Friedensverhandlungen mit den Farc. Die größten Herausforderungen stehen Kolumbien noch bevor. Aber das Friedensabkommen ist die Basis für einen Anfang.

Das haben sowohl die Regierung als auch die Farc erkannt und alles daran gesetzt, schnell ein neues Abkommen auf die Beine zu stellen. Sie haben die Kritik der Gegner in die Neu-Verhandlungen mit aufgenommen - eine wichtige Geste. Sie haben einige entscheidende Korrekturen gemacht, wie die Entschädigung der Opfer durch das Vermögen der Farc. Aber an den Grundfesten des Abkommens wurde trotzdem nicht gerüttelt.

Fällt die Regierung vor den Verbrechern auf die Knie?

Die Regierung macht der Guerilla zu viele Zugeständnisse, sie fällt vor den Verbrechern auf die Knie - ist das so? Es gibt immer Kompromisse, die man kritisieren kann und trotzdem nicht ändern. Und natürlich passt er den schärfsten Kritikern nicht. Ex-Präsident Alvaro Uribe ist Wortführer des "Nein". Doch was ist die Alternative? Seine Forderungen sind mit der Farc nicht umsetzbar, das weiß er ganz genau. Die Abstimmung im Parlament hat er nun boykottiert. Das verwundert nicht, denn in seiner rechtspopulistischen Partei Centro Democratico tummeln sich Gestalten, die bisher gut mit dem Krieg gelebt haben, von ihm profitiert haben. Ihr "Nein" ist das des Stillstandes. Es geht ihnen nicht um Dialog. Es geht um Aufregung, um Stimmungsmache, um Interessen.   

Es geht darum, einen neuen Weg zu öffnen

Doch der Friedensvertrag ist keine Trophäe, nicht der persönlicher Erfolg eines einzelnen und kein politisches Parteiprogramm - er ist ein Fahrplan für eine extrem gespaltene Gesellschaft, die sich derzeit in einer gefährlichen Schwebe befindet. Und die Zeit drängt. Die Realität schreibt sonst ihre eigenen Regeln, wie in den Jahrzehnten zuvor. Und in diesem Sinne stimmt es schon: Santos steht nicht blöd da, wenn er den Friedensnobelpreis entgegen nimmt. Er hat das Vermögen gezeigt, auch die zu verstehen, die ihn und seine Position ablehnen. Und er hat alles daran gesetzt, die angespannte Situation in Kolumbien zu deeskalieren. Es gibt derzeit nicht viele Politiker auf der Welt, die so handeln und verstehen: Es geht dabei weder um sie, noch um einen Nobelpreis, noch um einen Präsidenten. Sondern darum, einen neuen Weg zu öffnen.

Kolumbien - Die Zeit drängt. Kommentar zum Friedensvertrag
A. Herrberg, ARD Buenos Aires
02.12.2016 09:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Dezember 2016 um 17:00 Uhr.

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