ELN-Rebellen mit rot-schwarzem Tuch vor dem Gesicht | Bildquelle: dpa

Verhandlungen in Kolumbien "Waffen gegen Wörter tauschen"

Stand: 07.02.2017 07:17 Uhr

Es ist ein Signal, das Hoffnung macht. Auch mit der ELN, Kolumbiens zweitgrößter Guerilla, wird über ein Friedensabkommen verhandelt. Die Gespräche starten heute in Ecuadors Hauptstadt. Geregelt werden muss unter anderem die Entwaffnung.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

Donnerstag, 2. Februar: Ein Hubschrauber landet auf dem Flugplatz in der Provinzhauptstadt Quibdó. Darin sitzt Odin Sánchez, eine der letzten Geiseln von Kolumbiens zweitgrößter Rebellengruppe ELN. Freiheit nach zehn Monaten im Dschungel. So lange hielt die marxistische Guerilla Nationale Befreiungsarmee den Politiker aus dem nordwestlichen Departement Chocó gefangen: "Wir müssen zusammenstehen. Wir müssen diese Teufel der Nationalen Befreiungsarmee ELN zum Dialog zwingen, über Frieden sprechen", sagte Sanchez nach seiner Freilassung.

Abkommen mit FARC seit Dezember

Nach Monaten des Hin und Her scheint nun tatsächlich der Weg frei, auch mit der ELN über ein Friedensabkommen zu verhandeln. Sánchez' Freilassung war die Bedingung der Regierung dafür, die begnadigte ihrerseits zwei Guerilleros. Ein kompletter Frieden im Land sei nur mit allen gemeinsam möglich, sagte Juan Manuel Santos, Präsident und Friedensnobelpreisträger - mit den FARC, Kolumbiens größter Rebellengruppe, wurde bereits im Dezember ein Abkommen geschlossen, heute nun sollen Friedensgespräche mit der ELN-Guerilla in Quito starten: "Denn das bedeutet Frieden: Dass man Waffen gegen Wörter tauscht, Kugeln gegen Ideen, den bewaffneten Kampf gegen demokratische Debatten, den Hass gegen die Aussöhnung", so Santos.

Der ehemalige Gefangene der ELN-Guerilla Odin Sanchez | Bildquelle: AFP
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Freiheit nach zehn Monaten: Odin Sánchez, eine der letzten Geiseln der Rebellengruppe, kommt am 2. Februar frei.

Sechs Punkte

Sechs Punkte stehen auf der Agenda - von der Entwaffnung der noch rund 1500-2000 ELN-Kämpfer bis zu ihrer politischen Beteiligung. Bei vielen Themen gibt es Parallelen zum bereits geschlossenen Friedensvertrag mit den FARC. Beide Gruppen gründeten sich Anfang der 1960er-Jahre als Reaktion auf die ungerechte Landverteilung, und doch stehe jede Organisation für sich, sagt Guillermo Fernandez-Maldonado, der für die UN-Menschenrechtskommission in Kolumbien arbeitet: "Die ELN ist im Vergleich zur FARC weit weniger hierarchisch organisiert, stützt sich eher auf Pakte und Absprachen. Dabei ist die ideologische Komponente noch stärker."

Eine zentrale Forderung ist, dass sich die Zivilgesellschaft aktiv einbringt. Aber genau das könne die Verhandlungen noch komplizierter machen. Komplizierter und auch langwierig - dabei tickt die Uhr. Präsident Santos bleiben noch anderthalb Jahre im Amt. Die Ablehnung des Friedensprozesses ist schon jetzt Wahlkampfthema der Opposition. Das beunruhigt auch die FARC, die darauf drängen, zentrale Punkte des Friedensabkommens so schnell wie möglich durch Gesetze zu garantieren.

Derzeit finden sich die rund 6000 verbliebenen FARC-Kämpfer in 26 Schutzzonen im ganzen Land ein. Es ist ihr letzter Marsch. In den nächsten Monaten sollen sie dort unter UN-Aufsicht ihre Waffen abgeben, um dann in einem zweiten Schritt auf das Leben als Zivilisten vorbereitet zu werden.

Was kommt danach?

Doch was beziehungsweise wer kommt danach? Bereits jetzt gibt Nachrichten über Splittergruppen, Deserteure und ein Erstarken von paramilitärischen Gruppen. Bauern in früheren FARC-Gebieten fürchten Nachfolgekämpfe um die Kontrolle von Drogenanbaugebieten und Transitrouten, wie in Nariño an der Grenze zu Ecuador: "Die FARC kennen dieses Territorium und haben unsere Felder respektiert, aber wenn sie jetzt gehen, kommen die anderen bewaffneten Gruppen in die Region."

Die Verhandlungen mit der ELN beginnen nun, ohne dass offiziell ein Waffenstillstand vereinbart wurde. Im Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Rebellengruppen, dem Militär und rechten Paramilitärs sind über 260.000 Menschen ums Leben gekommen.

Der schwierige Weg zum Frieden in Kolumbien
A. Herrberg, ARD Buenos Aires
06.02.2017 23:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. Februar 2017 um 07:30 Uhr.

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