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Düstere Aussichten bei Klimakonferenz
"Die Länder tun soviel, wie sie eben können"
Bei der Klimakonferenz in Doha werden die Umweltminister nächste Woche einige Entscheidungen treffen müssen - ein Kyoto-Protokoll II ist das Ziel. Ganz unabhängig davon ist klar: Alle zugesagten Emissionsreduktionen reichen nicht aus, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.
Von Andrea Rönsberg, Deutsche Welle, zzt. Doha
"Für Sonntag, den 2. Dezember, sind keine Besprechungen angesetzt" - so steht es in der Tagesübersicht des Klimasekretariats. Doch auch wenn im Konferenzzentrum in Doha offiziell Ruhetag ist, haben die Delegationen am Sonntag einiges zu tun.
Man werde sich mit neuen Verhandlungstexten auseinandersetzen, kündigt die deutsche Delegationsleiterin Nicole Wilke an: "Die sind hoffentlich etwas weiter zugespitzt als das, was wir hatten, als wir hier angefangen haben." Dennoch, sagt sie, würden Fragen offenbleiben.
Entscheidungen für die Minister
Wenn die Umweltminister sich also nächste Woche zu ihrer ersten Verhandlungsrunde zusammensetzen, müssen sie unter anderem entscheiden, wie lange eine zweite sogenannte Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls dauern soll. Bis Ende 2012, dazu hatten sie sich in diesem Vertrag verpflichtet, wollten die Industriestaaten ihren gemeinsamen Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase um mindestens fünf Prozent gegenüber dem Jahr 1990 senken.
Die Frage ist nun, ob eine zweite Periode international verbindlicher Klimaschutzziele unter dem Kyoto-Protokoll fünf oder acht Jahre dauern soll. Die Europäische Union plädiert für acht Jahre, damit das Kyoto-Protokoll als bisher einziges rechtlich verbindliches Klima-Abkommen gewissermaßen die Brücke baut zu einem neuen globalen Klima-Abkommen. Das soll, so wurde es beim Klimagipfel letztes Jahr in Durban beschlossen, auch die Entwicklungsländer umfassen und im Jahr 2020 in Kraft treten.
EU bleibt bei Emissionsziel
Ein anderer Punkt hingegen steht wohl nicht zur Diskussion: Die Europäische Union (EU) bleibt dabei, dass sie ihre Emissionen in einer zweiten Verpflichtungsperiode um 20 Prozent reduziert. Umweltaktivisten fordern von der EU, sich zu einer Emissionsreduktion von 30 Prozent zu verpflichten, schließlich habe sie die 20 Prozent bereits fast erreicht. Doch weitergehende Zusagen werden innerhalb der EU von Polen blockiert. "Wir werden hier als EU 20 Prozent eintragen", sagt Wilke. "Für 30 Prozent bedarf es einer Entscheidung des Europäischen Rates und der Europäische Rat tagt erst nach dieser Konferenz. Insofern ist das kein Thema hier."
Die Zusagen anderer Länder fallen indes noch geringer aus. So hat zum Beispiel Australien angekündigt, seine Emissionen bis 2020 um 0,5 Prozent senken zu wollen. Ohnehin ist die Zahl derer, die bei einer zweiten Verpflichtungsperiode unter dem Kyoto-Protokoll mitmachen wollen, begrenzt: Neben der EU und Australien gehören dazu unter anderen die Schweiz und Norwegen – Länder, die zusammen nur für etwa 15 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.
Emissionsziele reichen nicht aus
Länder außerhalb des Kyoto-Protokolls haben sich in Doha ohnehin nicht zu Emissionsreduktionen bekannt, die über das hinausgehen, was auf vorhergehenden Klimakonferenzen zugesagt wurde. Mit den bisher eingegangenen Verpflichtungen zur Emissionsreduktion allerdings, warnen Wissenschaftler des Thinktanks Climate Analytics, werde sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts geschätzt um mindestens 3,5 Grad erwärmen.
Dabei haben sich die Länder auf der Klimakonferenz in Kopenhagen dazu bekannt, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Diese zwei Grad gelten als Grenze, bei deren Überschreiten das Klimasystem derart gravierend gestört würde, dass beispielsweise das kilometerdicke Eisschild Grönlands schmilzt oder aus Regenwäldern Savannen werden.
"Zwei Grad sind machbar"
Nach Angaben von Climate Analytics halten die wenigsten Länder ihre selbst gesetzten Klimaschutzziele ein. Dennoch halten die Wissenschaftler es für möglich, das Zweigradziel einzuhalten. Das erfordere aber, sagt Niklas Höhne von dem Beratungsunternehmen Ecofys, Energie zu sparen und die erneuerbaren Energien so schnell wie möglich auszubauen.
Außerdem ginge es wohl nicht ohne ein drittes Element: die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre. "Dabei wird Biomasse angebaut", erklärt Höhne. "Dadurch wird CO2 gespeichert, das dann abgeschieden und im Boden gespeichert wird." Das sei allerdings eine Technologie, die derzeit nur in Pilotprojekten angewendet werde.
Notwendigkeit erkannt, Gefahr nicht gebannt
Der Chefwissenschaftler der UN-Umweltbehörde UNEP, Joseph Alcamo, stimmt mit Höhne überein, dass die Einhaltung des Zweigradziels "technologisch und wirtschaftlich machbar" sei. Doch die Frage bleibt, was politisch machbar ist.
Die Unterhändler der einzelnen Länder, meint die Chefin des UN-Klimabüros Christiana Figueres, hätten das Zweigradziel durchaus im Hinterkopf, wenn sie in Doha zu den Verhandlungen erschienen. "Aber sie gehen eben auch mit ihren nationalen Interessen in die Verhandlungen", sagt Figueres. Und es sei völlig verständlich, dass es einen Unterschied gebe, zwischen dem, was aus globaler Sicht nötig sei und dem, was aus nationaler Sicht möglich sei.
"Die Länder tun so viel, wie sie eben können angesichts des öffentlichen Rückhalts, den sie haben", meint Figueres. Auch Marion Vieweg glaubt, dass nur die Wähler die Regierungen dazu bringen können, sich auf drastischere Emissionsreduktionen zu einigen. "Letztendlich", sagt sie, "ist an der Stelle die Gesellschaft unser Chef und muss dafür sorgen, dass die Regierungen in die Verantwortung genommen werden."
Stand: 02.12.2012 00:29 Uhr
