Der Hirte Roba Guyo isst mit seiner Familie.
Reportage

Klimawandel in Kenia Der Ziegenhirte, der die EU verklagt

Stand: 13.10.2019 01:48 Uhr

Klimawandel kennt keine Grenzen. Deshalb müsse die EU mehr für den Klimaschutz tun, argumentieren zehn Familien und verklagen die EU. Einer der Kläger ist der kenianische Hirte Guyo.

Früh am Morgen treibt Roba Guyo seine kleine Ziegenherde in die dürre Landschaft hinaus. Immer weiter muss er laufen, denn durch die dauernde Hitze wächst kaum Grün an den dornigen Sträuchern, die Erde ist staubig und trocken.

Sein Leben lang ist er schon Hirte, aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Roba Guyo ist verzweifelt. "Die Herausforderung durch das Klima macht mich fertig", sagt er. Das größte Problem sei die Trockenheit. "Wir können nichts anderes, wir haben nichts anderes gelernt."

Auf dem Boden ausgebleichte Knochen der Tiere, die die große Dürre von 2017 nicht überlebt haben. Roba Guyo verlor damals den größten Teil seiner Herde. Den kleinen Rest treibt er jetzt zum Wasserloch. Nur um zehn Uhr morgens dürfen die Hirten es nutzen, so hat es das Dorf Badanreero im Norden Kenias beschlossen. Das Wasser ist zu kostbar.

Tödliche Kämpfe ums Wasser

Im Dorf gibt es sogar Waffen, um den Teich zu verteidigen. Erst vor kurzem wurden in den benachbarten Hügeln vier Menschen bei einem Kampf ums Wasser getötet.

Immer wieder trocknet das Loch komplett aus. Trocken sei es hier schon immer gewesen, doch das Klima verschärfe sich, erzählt Roba Guyo. Die Hitze werde extremer. Wenn Regen komme, gebe es aufgrund des trockenen Bodens Springfluten. So dürfe es nicht weitergehen, beschloss der Hirte. Jetzt klagt er - gegen die EU.

"Ich fragte mich: Wer kann mir helfen", erzählt er. "Wir erfuhren von den Hilfsorganisationen, dass die Gründe menschengemacht sind. Und da ich so verzweifelt bin, entschied ich mich, an der Klage teilzunehmen. Das muss aufhören. Wegen der Hitze schmilzt mir fast das Gehirn."

Zehn Familien klagen

Roba Guyo verklagt das EU-Parlament und den Europarat nicht allein. Zehn Familien aus Europa, Fidschi und Kenia sind Teil des sogenannten People’s Climate Case. Unterstützt werden sie von Umweltorganisationen. Sie kannten sich gegenseitig nicht, doch sie wollen zeigen, dass der Klimawandel alle betrifft. Gemeinsam fordern sie von der EU, ihr Klimaziel zu verschärfen.

Das besagt bisher: Bis 2030 müssten die Emissionen um 40 Prozent des Wertes von 1990 gesenkt werden. Zu wenig, finden die Kläger, ist die EU doch insgesamt für rund zehn Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich.

Normale Bürger gegen die EU - und das aufgrund von Klimazielen? Geht das überhaupt? Es sei einen Versuch wert, sagt Gerd Winter, denn es gebe bereits Klage-Beispiele im Ausland. Der Bremer Jura-Professor hatte die Idee zur Klage und half, Familien zu finden. "Wir müssen uns engagieren, um Schlimmeres zu verhüten", fordert Winter. "Der Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung der Menschheit, fast schlimmer als die eines großen Krieges, weil sie die ganze Welt betrifft und unwandelbar ist."

Erfolgsfälle gibt es durchaus: 2015 klagten in den Niederlanden Bürger gemeinsam mit einer Umweltorganisation. Das Ergebnis: Die niederländische Regierung musste ihr Klimaziel verschärfen.

Berufung auf die EU-Grundrechtecharta

Die zehn Familien berufen sich in ihrer Klage auf die Grundrechtecharta der EU. "Die Charta garantiert den Bürgern Sicherheit in ihren Lebensbedingungen, Recht auf Eigentum, Gesundheit, Kindeswohl", sagt Winter. "Sich darauf zu berufen ist möglich, da die Veränderungen des Klimas durch Emissionen, die diese Rechte bedrohen, menschengemacht sind."

Doch erstmal muss es in Brüssel überhaupt zu einer Verhandlung kommen. In erster Instanz wurde die Klage vom Europäischen Gericht aus formellen Gründen abgewiesen. Gerd  Winter schreckt das nicht. Vom Klimawandel sei schließlich fast jeder betroffen.

"Eine Klage gegen EU-Gesetze setzt voraus, dass die Kläger individuell betroffen sind. Der Europäische Gerichtshof legt dies sehr eng aus, nämlich so, dass die Kläger im Vergleich zu anderen exklusiv betroffen sein müssen." Das sei absurd, empört sich Winter, weil es bedeute: "Je stärker die Katastrophe ist, und je mehr Menschen deshalb betroffen sind, desto weniger haben sie das Recht zu klagen. Wir bekämpfen das." Die Kläger sind in Revision gegangen.

Und warum eine kenianische Familie? "Wir sind die Emittenten, aber die Leidenden wohnen im Süden", sagt Winter. "Wenn die EU sich so eine Menge von Emissionen greift, dann greift sie damit auch in Leben und Gesundheit der Familie Guyo ein."

Knochen eines wegen der Trockenheit verendeten Tieres

Viele Tiere sind wegen der Trockenheit bereits verendet.

"Wenn sich nichts ändert, können wir nur auf den Tod warten"

Roba Guyo verdient nichts mit dieser Klage. Er und die anderen Familien wollen einen nachhaltigen Politikwechsel. Seine große Hoffnung: Dass die Veränderungen, die sie beobachten, sich dann doch noch aufhalten lassen.

Dima Guyo, die Frau des Hirten, kann es einfach nicht verstehen. "Diese Leute müssen ihr Verhalten ändern und aufhören mit den Dingen, die am Ende diese Hitze produzieren", sagt sie. "Unsere Tiere sollen nicht sterben. Wenn es wirklich klappt, dass unser Fall gehört wird und sich dann etwas ändert, der Zyklus durchbrochen wird, dann wäre das gut für uns."  Sie denkt vor allem an die Kinder, die sich in der Schule vor Hitze kaum konzentrieren können und manchmal auch einfach umfallen.

Aber was, wenn es nicht klappt? Wenn sich gar nichts ändert und die Wetterextreme im Norden Kenias sogar noch schlimmer werden? Roba Guyo wird sehr ernst: "Wenn sich gar nichts ändert, dann können wir wohl am Ende nur auf unseren Tod warten."

Ob es zur Verhandlung kommt, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 13. Oktober 2019 um 12:45 Uhr.