Klimagipfel - ein Aktivist hält ein Schild mit dem Klimaziel 1,5 Grad | Bildquelle: AP

Klimakonferenz in Paris 14 Seiten Konflikt

Stand: 10.12.2015 18:45 Uhr

Der Vertragsentwurf für ein Klimaabkommen ist von knapp 40 auf 14 Seiten gekürzt worden, die Konflikte zwischen den Teilnehmern sind damit aber noch nicht gelöst. Immerhin: Die roten Linien bei den Verhandlungen in Paris sind jetzt klar.

Von Kai Schächtele für tagesschau.de

Jetzt beginnt die Zeit, in der die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks mittags "Guten Morgen" sagt. Sie gehört zu den Ministern, die am frühen Donnerstagmorgen ins Bett gekommen sind, als die ersten Delegierten schon wieder auf dem Weg zum Konferenzzentrum waren. Die Verhandlungen um den Klimavertrag von Paris gehen jetzt in die entscheidende Phase. Anders formuliert: Jetzt treffen die Kontrahenten an ihren jeweiligen roten Linien aufeinander und können sich in die Augen sehen.

Der Vertrag ist von knapp 40 auf 14 Seiten gekürzt worden. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Konflikte bereits gelöst wären. Sie sind jetzt vielmehr auf ihre Essenz reduziert.

Die drei zentralen Streitpunkte: Sind Länder wie Indien oder Südafrika bereit, sich genauso zum Klimaschutz zu bekennen wie die Industriestaaten, obwohl sie historisch viel weniger Verantwortung dafür tragen? Werden die Länder aus dem Süden akzeptieren, sich bei der Reduktion ihrer Treibhausgase genauso kontrollieren zu lassen, wie sie das von den Ländern des Nordens verlangen?

Die Länder, die Geld zur Klimafinanzierung bereit stellen, wollen erst wissen, was damit passiert. Die Länder, die es bekommen sollen, wollen aber erst Zusagen machen, wenn sie wissen, wie viel sie wann bekommen. Wie wird dieser Teufelskreis durchbrochen?

"Wenn der Minister kommt, muss ich los"

Seit dem dramatischen Scheitern von Kopenhagen vor sechs Jahren haben die 195 Staaten Diskussionen vor sich hergeschoben. Sie stehen nun an. Das merkt man nicht nur daran, dass sich bei Ministerin Hendricks Tages- und Nachtzeiten zu verschieben beginnen. Auf dem ganzen Gelände ist diese Anspannung zu spüren.

Umweltministerin Hendricks bei der Anreise zum Klimagipfel | Bildquelle: dpa
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Umweltministerin Hendricks: Tages- und Nachtzeiten verschieben sich.

Wenn ein neuer Vertragsentwurf veröffentlicht wird, bilden sich innerhalb weniger Minuten Grüppchen an Restauranttischen und analysieren den Vertrag. An den Computerterminals rufen Menschen in dem einen Fenster den Vertragsentwurf auf und schreiben im anderen ihre Bewertung, um die Landsleute zu Hause auf dem Laufenden zu halten. Die Delegierten, die in der ersten Woche noch entspannt Zeit für ein Schwätzchen hatten, sagen jetzt: Ein Gespräch? Dann aber schnell. Wenn der Minister kommt, muss ich los.

Marathon ohne Trainingsplan

Es ist Mittwoch früher Abend und zwei Männer sind unzufrieden. Der aktuelle Vertragsentwurf ist gerade drei Stunden im Umlauf und die beiden denken jeder für sich darüber nach, wie sie jetzt weitermachen sollen. Der eine ist Hans Verolme. Der Berater ist nach Paris gekommen, um Delegationen aus Afrika und Asien dabei zu helfen, ein Abkommen auszuhandeln, das ihr Überleben sichert.

Dafür braucht es wirkungsvollen Klimaschutz einerseits und finanzielle Unterstützung beim Umbau zu einer Wirtschaft ohne fossile Brennstoffe andererseits. Der andere ist Oleg Shamanov, der Leiter der russischen Delegation. Er ist nach Paris gekommen, um Russlands Überleben zu sichern, indem er die fossilen Industrien schützt.

Dass die beiden bei der Bewertung dessen, was im Vertragsentwurf steht, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ist deshalb keine Überraschung. Am besten lässt sich das an der Frage illustrieren, wie der Klimaschutz der Zukunft aussehen soll. Zwei Punkte im Vertrag sind dafür relevant. Auf welche Obergrenze bei der maximalen Erderwärmung wird sich die Konferenz einigen? Und was nimmt sie sich vor, um dieses Ziel zu erreichen? Das eine ohne das andere zu beschließen, wäre, als würde man sich zu einem Marathon anmelden, ohne darüber nachzudenken, wie oft man in der Woche zum Laufen gehen soll.

"Unsere Ziele sind ehrgeizig genug"

Es sieht im Moment sehr danach aus, als würde die Zahl 1,5 als Grenze der maximalen Erderwärmung im Vertrag stehen bleiben. Aber was folgt daraus? Schon jetzt ist klar, dass bei den vorliegenden Plänen die Temperatur gegenüber der Mitte des 19. Jahrhunderts um bis zu drei Grad steigen würde. Würde sie sich auf 1,5 Grad einigen, müssten sie ihre Reduktionsziele sehr schnell verbessern. Verolme ist der Meinung, dass dies von dem Moment an passieren muss, wenn der Vertrag beschlossen ist. Shamanov dagegen weigert sich im Namen Russlands, darüber überhaupt nur nachzudenken.

Hans Verolme, Berater, und Oleg Shamanov, Russische Delegation, über die Verhandlungen
10.12.2015

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Am Donnerstag morgen steht Ilka Wagner, die stellvertretende Leiterin der deutschen Delegation, relativ entspannt auf der Straße zwischen den Konferenzhallen. Im Gegensatz zu ihrer Ministerin war sie in der vorhergehenden Nacht um Mitternacht im Bett. Die deutsche Delegation schickt sich nach einem genau abgestimmten Plan gegenseitig ins Hotel. Wer muss wann fit sein, wer kann wann schlafen? Sie gehörte in dieser Nacht zu denjenigen, die früher Schluss machen durften. Dass bei einer solch entscheidenden Frage die verschiedenen Positionen nun aufeinander stoßen, beunruhigt sie kein bisschen. Im Gegenteil: Das müsse so sein, sagt sie. Denn nur so kämen die Dinge in Bewegung.

Ilka Wagner, Deutsche Delegation, zum Stand der Klimaverhandlungen
10.12.2015

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Deutschland wird bis zum Schluss dieser Konferenz dafür kämpfen, dass sich die Weltgemeinschaft auf einen verbindlichen Zeitplan einigt. Schon vor 2020 sollen sich die Staaten treffen, um ihre gemachten Zusagen zu überprüfen. Bald danach soll ein gemeinsames Überprüfungssystem installiert werden, das sicherstellt, dass man die Einsparungen in Indien und Deutschland miteinander vergleichen kann. Denn nur wenn gemeinsame Standards gelten, lässt sich auch gemeinsam handeln. Einer der Knackpunkte dieser Konferenz ist, ob das in Zukunft auch tatsächlich alle wollen.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist Teil der Reihe "Paris Protokoll". Journalisten aus ganz Deutschland folgen in Paris den Delegierten und Beratern. Das "Paris Protokoll" ist eine trimediale Produktion der freeeye.tv GmbH im Auftrag des NDR für tagesschau.de, tagesschau24 und die Radiowellen des NDR mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung, der Süddeutsche Zeitung und mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum CORRECT!V.

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