Saudische Frauen besuchen einen Kurzfilmwettbewerb in Riad. | Bildquelle: AFP

Nach 35 Jahren Saudi-Arabien erlaubt wieder Kinos

Stand: 11.12.2017 12:06 Uhr

Lange war im ultrakonservativen Saudi-Arabien jede Art von Unterhaltung verpönt. Kronzprinz Mohammed bin Salman kommt nun aber vor allem der jungen Bevölkerung entgegen. Jüngster Schritt der Liberalisierung: Ab März dürfen im Land wieder Kinos eröffnen.

Nach mehr als 35 Jahren hat Saudi-Arabien das Verbot von Kinos aufgehoben. "Das ist ein Wendepunkt bei der Entwicklung eines kulturellen Sektors der Wirtschaft", sagte der saudische Kulturminister, Awwad Alawwad. Eine Regierungskommission habe damit begonnen, Lizenzen für Kinos zu erteilen. Die ersten würden dann im kommenden März öffnen.

Der jetzige Schritt gilt als Teil der Politik von Kronprinz Mohammed bin Salman, der den Wünschen der jungen Bevölkerung entgegenkommen will, denn mehr als 40 Prozent der Saudis sind jünger als 25 Jahre alt. Der 32 Jahre alte Sohn des Königs gilt als eigentlicher starker Mann des Landes.

Der Kronprinz verantwortet die sogenannte "Vision 2030", zu der auch die Aufhebung des Verbots von Kinos zählt. Mit ihr will das Land seine Abhängigkeit vom Erdöl beenden und gleichzeitig die Gesellschaft öffnen. Laut dem Minister geht es darum, ein "offenes und reichhaltiges Kulturangebot" für Saudis zu entwickeln. Im September hatte König Salman bereits angeordnet, im nächsten Jahr das Fahrverbot für Frauen aufzuheben. Sie sollen ab Mitte 2018 ans Steuer dürfen.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman | Bildquelle: REUTERS
galerie

Kronprinz Mohammed bin Salman gilt als Motor hinter der Liberalisierung des Landes.

Verbot seit den frühen 80ern

Anfang der 80er-Jahre hatten alle Kinos im Land schließen müssen - eine Reaktion zum einen auf die iranische Revolution, mit der eine Welle des Islamismus durch die Region ging, und zum anderen auf einen Überfall von Extremisten auf die Große Moschee in Mekka.

Damals musste die Regierung gegenüber den ultrakonservativen Geistlichen im Königreich nachgeben. Die hatten sich stets daran gestört, dass Männer und Frauen gemeinsam in den Kinosälen saßen. Und viele von ihnen lehnten stets jede Art von Vergnügung ab, weil das ihrer Meinung nach vom Glauben an Gott ablenke. Über diese Einwände setzte sich die saudische Regierung jetzt hinweg.

Unklar ist noch, inwieweit Männer und Frauen in den Kinosälen getrennt werden sollen. Auch die Frage, welche Filme gezeigt und wie stark zensiert diese werden sollen, wurde nicht beantwortet. Weitere Details sollen in den kommenden Wochen bekannt gegeben werden, heißt es aus dem Ministerium.

Ansätze einer heimischen Filmindustrie

Derzeit gibt es nur ein Kino im Land, ein IMAX in der Stadt Khobar. In neuen Einkaufszentren wurde bereits während der vergangenen Jahre häufig auch ein Kinosaal gebaut, schon in Erwartung der heutigen Entscheidung.

Trotz des bisherigen Kino-Verbots gibt es in Saudi-Arabien längst so etwas wie eine Filmindustrie. 2012 drehte die saudische Regisseurin Haifaa al-Mansour "Das Mädchen Wadjda", eine saudisch-deutsche Produktion und der erste abendfüllende saudische Film überhaupt. Immer mehr Saudis, vor allem junge Leute, machen Filme. Und dieses Jahr gab es bereits zum vierten Mal in der Stadt Dhahran das "Saudische Film-Festival".

Hoffnung auf neue Wirtschaftszweige

Straße in der saudi-arabischen Stadt Dschidda (2015) | Bildquelle: dpa
galerie

An vielen Straßen Saudi-Arabiens könnten bald neue Kinos entstehen.

Kulturminister Alawwad erklärte, jetzt wieder Kinos zuzulassen, sei auch deshalb wichtig, weil damit die Wirtschaft angekurbelt werde. Bis zum Jahr 2030 werde es im Königreich mehr als 300 Kinos geben, mit mehr als 2000 Leinwänden, so der Minister. Das bedeute, dass mehr als 30.000 dauerhafte Arbeitsplätze geschaffen würden.

Der neue Sektor, der jetzt rund um die Kinos entsteht, soll zur Diversifizierung der Wirtschaft beitragen und das Bruttoinlandsprodukt in den kommenden zwölf Jahren um fast 24 Milliarden Dollar wachsen lassen. Ziel sei es, sagte der Minister, dass saudische Haushalte bis dahin ihre Ausgaben für Kultur und Entertainment auf sechs Prozent verdoppeln.

Damit, entsprechende Angebote zu schaffen, ist seit dem vergangenen Jahr die neue "Generalbehörde für Unterhaltung" befasst. Sie hat bereits mehrere Konzerte organisiert und beispielsweise die Messe "ComicCon" ins Land geholt.

Mit Informationen von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo.

Saudi-Arabien hebt Kino-Verbot auf
Carsten Kühntopp, ARD Kairo
11.12.2017 11:45 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Dezember 2017 um 10:45 Uhr.

Darstellung: