Luftbild von King Abdullah Economic City | Bildquelle: KAEC

King Abdullah Economic City Fortschrittliche Wüstenstadt vom Reißbrett

Stand: 30.04.2017 12:54 Uhr

King Abdullah Economic City ist eine Stadt vom Reißbrett. Vor einigen Jahren wurde der Grundstein in der saudi-arabischen Wüste gelegt. Inzwischen leben 7000 Menschen hier, zwei Millionen sollen es bis 2035 werden. Die Stadt soll den Weg in die Zukunft weisen.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Die Zukunft Saudi-Arabiens liegt hinter einem Bogen, gebaut im prunkvollen Tausend-und-eine-Nacht-Stil. Dies ist das Stadttor von King Abdullah Economic City, eine gute Fahrstunde nördlich von Dschidda am Roten Meer gelegen. Hinter dem Tor fährt man zunächst noch viele Kilometer durchs Nichts, durch die Wüste. Auf einer Kreuzung pusten Arbeiter mit einem Laubbläser Sand von der Fahrbahn. Schließlich tauchen die ersten Wohnviertel und Bürogebäude auf, dahinter das türkisfarbene Meer.

King Abdullah Economic City im Jahr 2008 | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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2008 war noch Wüste am heutigen Standort der Retortenstadt.

Stephen Bowen ist der Marketing-Manager von King Abdullah Economic City: "Vor zehn Jahren war das alles Wüste, hier war nichts. Seitdem haben wir etwa 350 Kilometer Straße gelegt und 3500 Straßenlaternen aufgestellt." Man habe fünf große Wohnkomplexe errichtet, 6500 Apartments und Villen und einen 'Businesspark' fertiggestellt. "Wir haben 120 Unternehmen aus den Bereichen Handel, Logistik und Produktion für unser Gewerbegebiet gewinnen können. Weil dies ein Areal von 181 Quadratkilometern ist, sieht alles viel leerer aus, als es tatsächlich ist."

So groß wie Nürnberg

181 Quadratkilometer - das ist in etwa die Fläche von Nürnberg. Derzeit leben hier etwa 7000 Menschen. Ende des Jahres sollen es doppelt so viele sein. Und der Masterplan sieht vor, dass es im Jahr 2035 schließlich zwei Millionen sind - vor allem Saudis, denen die Stadt Karrieremöglichkeiten und einen modernen Lebensstil bieten will.

Karte: King Abdullah Economic City
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Die Lage der Stadt soll ihr den Weg in die Zukunft ebnen und Saudi-Arabien unabhängiger vom Öl machen.

Der Chef des Projektes ist Fahd al-Raschid. Weil die Stadt aus Sicht der Regierung Vorbildfunktion hat, gilt Raschid, Mitte 40, nun als einer der wichtigsten Wirtschaftsbosse des Landes: "King Abdullah Economic City, kurz KAEC, ist eine Private-Public-Partnership. Als eine Stadt, die mit privatem Kapital finanziert wird, ist dies das größte Bauprojekt des Privatsektors auf der ganzen Welt. Außerdem ist es die erste Stadt, die an der Börse geführt wird. Es ist also eine ganze andere Art der Entwicklung der Wirtschaft. Wir versuchen, aus dem Nichts eine Stadt zu bauen, die ein Motor für die wirtschaftliche und sozioökonomische Entwicklung in Saudi-Arabien sein wird."

Die Sucht nach dem Öl überwinden

Obwohl der Grundstein am Roten Meer bereits 2005 gelegt wurde, passt die Stadt hervorragend in die "Vision2030", die Vize-Kronprinz Mohammed bin Salman al-Saud, vor einem Jahr vorstellte. Mit diesem Plan will die Regierung das Land fit machen für die Zeit nach dem Öl. Salman in einem Fernsehinterview: "Heute beruht unsere Verfassung auf dem Heiligen Buch und auf dem Erdöl. Das ist sehr gefährlich. Im Königreich haben wir eine Art Sucht nach dem Öl. Das verhinderte die Entwicklung anderer Wirtschaftsbereiche in den vergangenen Jahren."

Eine Öl-Raffinerie an der Ostküste Saudi-Arabiens
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Öl ist bislang die zentrale Einnahmequelle in Saudi-Arabien - so auch in dieser Raffinerie an der Ostküste des Landes.

Derzeit kommen etwa 90 Prozent der Staatseinnahmen direkt oder indirekt aus der Ölproduktion - das soll sich ändern, denn der Rohstoff, der Saudi-Arabien Wohlstand brachte, ist endlich. Wie das geht, macht King Abdullah Economic City bereits vor: Kein einziges der Unternehmen, die sich dort bereits angesiedelt haben, ist energieintensiv - alle sind außerhalb des Öl-und-Gas-Sektors tätig.

Der Hafen, das Herz der Stadt

Der Tiefseehafen von King Abdullah Economic City: An einigen Stellen wird noch gebaut, doch der Betrieb läuft bereits. Der Hafen ist das Herz der Stadt. Eine der wichtigsten Frachtrouten der Welt führt durch das Rote Meer. Diesen Standortvorteil will Projektmanager Raschid nutzen, als Umschlagplatz für Container und Stückgut: "Unser Standort ist entscheidend, auch für das Königreich. Das Land wird seine Lage zwischen drei Kontinenten - Asien, Europa, Afrika - als Wettbewerbsvorteil nutzen, in der Logistik und als wirtschaftlicher Knotenpunkt. Mit unserem Hafen sind wir im Zentrum dieses Plans, und deshalb expandieren wir auch so schnell."

In King Abdullah Economic City gibt es bereits das Nötigste zum Leben, einen Supermarkt zum Beispiel und ein Ärztezentrum. Schritt für Schritt entstehen auch Freizeitangebote, wie ein 18-Loch-Golfplatz und ein Sportkomplex. Faris Musallam lebt und arbeitet in der Stadt. Bei einer Rundfahrt erzählt er fast beiläufig, was in Saudi-Arabien eigentlich eine Sensation ist: "Ich würde sagen, dass diese Stadt eine sehr offene Gemeinde ist. Männer und Frauen arbeiten zusammen, wir haben keine Geschlechtertrennung. In Saudi-Arabien ist das eine wichtige Neuerung. Ich habe vorher andernorts gearbeitet, und da gab es immer eine Trennung von Männern und Frauen; sie konnten nicht gemeinsam in einem Büro sitzen."

Reformen mit Bedacht

Mit dieser Neuerung wird allerdings nicht offensiv geworben. Noch immer sind die Saudis ein sehr frommes Volk, dem die Tradition wichtig ist. Viele Menschen - auch junge - halten nichts davon, die Geschlechtertrennung aufzuheben. Deshalb muss der Vize-Kronprinz den Weg der Reformen vorsichtig und mit Bedacht gehen. King Abdullah Economic City gilt als Leuchtturm-Projekt. Ein Erfolg soll bis weit über die Stadtgrenzen hinaus ausstrahlen und dadurch mithelfen, die Wirtschaft und die Gesellschaft des Landes zu verändern.

Reformen von "oben"?

In anderen Golfstaaten ist es ähnlich wie in Saudi-Arabien: Reformen werden meist von "oben" angestoßen, nicht von "unten". Der Wind, der aus der Hauptstadt Riad kommt, strafft King Abdullah Economic City also die sprichwörtlichen Segel. Saudi-Arabien steht unter großem Druck, seine Wirtschaft zu diversifizieren.

Ein Jahr nach Veröffentlichung der "Vision 2030" zeigt die Stadt bereits, wie das geht. Raschid ist überzeugt: "Wer an der Vision zweifelt und an ihrer Umsetzbarkeit, dem sage ich: Schau dir einfach unsere Stadt an! Wir sind das beste Beispiel für eine Wirtschaft nach dem Öl, unsere Einnahmen kommen nicht vom Öl." Man ziehe keine Branche an, die energieintensiv sei, sondern konzentriere sich auf die Bereiche, die auch bei der Vision im Zentrum stünden. "Logistik, Infrastrukturinvestitionen, Tourismus, Wohnungsbau, Bildung, Gesundheitswesen - das sind unsere Stärken, und sie haben mit dem Öl nichts zu tun. Wir sind also die Wirtschaft nach dem Öl, die mal die Zukunft von Saudi-Arabien sein wird."

Er schließt aber nicht aus, dass die Stadt dennoch scheitern könnte. So muss sich sicherlich erst noch zeigen, ob das Wirtschaftsmodell, auf dem sie fußt, tatsächlich tragfähig ist. Zudem sind die gesellschaftlichen Kräfte in Saudi-Arabien, die jeder Veränderung feindselig gegenüberstehen, nach wie vor sehr mächtig.

Aufbruch in die Zeit nach dem Öl
C. Kühntopp, ARD Kairo
30.04.2017 12:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. April 2017 um 13:39 Uhr

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