Geburtenrate auf Tiefstand

Polens Präsident ruft: "Macht Kinder!"

Stand: 09.08.2013 12:12 Uhr

Wenn es so weitergeht, zählt das polnische Volk im Jahr 2050 zehn Millionen Menschen weniger. Die Geburtenrate liegt bei 1,3. Das ist niedriger als in Deutschland und einer der schwächsten Werte der Welt. Präsident Komorowski will das ändern.

Von Jan Pallokat, ARD-Hörfunkstudio Warschau

Der Präsident der Republik wählte einen ungewöhnlichen Weg für seine Appell: "Polinnen und Polen!", prangt es in dicken Lettern in "Fakt", der polnischen Bild-Zeitung. "Kinder lohnen sich!" Dazu Präsident Bronislaw Komorowski, glücklich lächelnd mit Enkel im Arm.

Während heute junge Paare davor zurückschreckten, hätten die Komorowskis in den bleiernden 80er-Jahren gleich fünf Kinder gezeugt, belehrt das Blatt seine Leser, kein Geld im Portemonnaie, die Staatssicherheit im Rücken, der Vater zwischenzeitlich interniert: Sie haben es dennoch nicht bereut.

Zu viel Unsicherheit

Ob die gemeinsame Botschaft von Präsident und der Boulevard-Zeitung ankommt, darf bezweifelt werden. Denn heute geht es den meisten Polen zwar im Schnitt materiell viel besser als in den 80er-Jahren, aber auch die Unsicherheit ist gestiegen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, und wer seinen Job verliert, bekommt unter Umständen lange keinen neuen.

Polens Demografie-Papst Janusz Czapinski stellt fest: "Die Bereitschaft, Kinder zu kriegen, ist wirklich drastisch gesunken. Wir sind da weltweit ganz unten. Das Volk schrumpft."

Drei Millionen Polen im besten gebärfähigen Alter bis um die 30 verweigern sich. In Umfragen nennen die meisten als Grund: "kein Geld, keine Arbeit", gefolgt von allgemein unsicheren Zukunftsaussichten und beengten Wohnverhältnissen.

Längerer Mutterschutz - mehr Elterngeld

Demografen rechnen hoch, was das bedeutet: Das polnische Volk, derzeit noch knapp 40 Millionen Menschen stark, könnte bis Mitte des Jahrhunderts auf 30 Millionen schrumpfen - mit möglicherweise heftigen Auswirkungen auf Sozialsysteme und Wirtschaftswachstum. Präsident Komorowski, der Familienpolitik zum Schwerpunkt machen will, weiß, dass das Ruder, wenn überhaupt, dann jetzt und sofort herumgerissen werden muss.

Will Familienpolitik zu einem Scherpunkt machen: Polens Präsident Komorowski

Die Mittel kommen einem bekannt vor: Polen hat den Mutterschutz verlängert, das Elterngeld ausgebaut und fördert seit neuestem künstliche Befruchtungen - mit bislang mäßigem Erfolg. Kassiert wird vor allem gern in unteren, bildungsfernen Schichten, wo es meist schon recht viele Kinder gibt.

Die Reicheren und besser Gebildeten denken gar nicht daran, sich allzu früh Kinder ans Bein zu binden. Sie wollen erstmal um die Welt fahren und Karriere machen.

Stars sind gerne schwanger

Aber vielleicht hat die Kampagne des Boulevard-Blatts fürs Kinderkriegen doch Erfolg. Laut "Fakt" nämlich ist schwanger sein gerade bei den polnischen Stars und Sternchen aus Medien und Showbusiness in Mode. Die Zeitung unterstreicht das mit der Abbildung zahlreicher Promis samt schwangeren Bäuchen. Unterzeile: "Sexy Mama".

Gebraucht im eigenen Land

So ganz kalt lassen kann auch die Deutschen das polnische Ringen um mehr Nachwuchs indes nicht. Denn derzeit arbeiten nach inoffiziellen Schätzungen etwa 250.000 Polen in der Pflege in Deutschland - oft schlecht bezahlt und unter miesen Bedingungen.

Viele von ihnen werden wohl bald im eigenen Land gebraucht, wenn auch die polnische Gesellschaft mehr und mehr altert.