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UN-Tribunal in Kambodscha
Entscheidende Phase im Prozess gegen Rote Khmer
Seit Juni stehen die drei bislang ranghöchsten Führungskader der Roten Khmer vor dem UN-Tribunal in Kambodscha. Mit der Verlesung der Eröffnungsplädoyers ist der Prozess nun in der entscheidenden Phase. Den Männern werden Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zur Last gelegt.
Von Udo Schmidt, ARD-Hörfunkstudio Singapur
Mit den Eröffnungsplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung hat in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh die entscheidende Phase des wohl wichtigsten und wahrscheinlich letzten Gerichtsverfahrens begonnen, mit dem die kambodschanische Vergangenheit aus der Zeit der Pol-Pot-Herrschaft aufgearbeitet werden soll. Unter der Herrschaft der Roten Khmer kamen in Kambodscha zwischen 1975 und 1979 knapp zwei Millionen Menschen ums Leben.
Die nach Pol Pot ranghöchsten Führungskader der Roten Khmer stehen seit Ende Juni vor Gericht, damals wurde das Verfahren vor dem Außerordentlichen Gerichtshof für die Verbrechen der Roten Khmer offiziell eröffnet. Drei Angeklagte hören sich heute die Plädoyers an: Nuon Chea, der ehemalige Stellvertreter Pol Pots und sogenannter Bruder Nummer zwei, Khieu Samphan, der damalige Staatspräsident sowie Ieng Sary, Außenminister der Roten Khmer. Ieng Thirit, dessen Frau und frühere Sozialministerin, ist demenzkrank und wurde am vergangenen Donnerstag für verhandlungsunfähig erklärt. Eine Entscheidung, um die es eine heftige Kontroverse gibt.
"Der Prozess ist eine einmalige Chance"
Theary Seng war eine der wichtigsten Nebenklägerinnen. Ihre Eltern wurden von den Roten Khmer ermordet und sie ist Vorsitzende der Opfervereinigung Kambodschas. Der Prozess sei eine einmalige Chance, sagte sie: "Es gab bisher keine Möglichkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es gab keinen Platz dafür in Kambodscha. In der Schule war die Pol-Pot-Zeit kein Thema. Der Prozess hat hier sehr viel ausgelöst, nun muss das Gericht aber auch seine Arbeit machen, das ist ungeheuer wichtig."
Inzwischen hat Theary Seng für sich entschieden, dass das Gericht seine Arbeit nicht macht. "Genug" - mit diesem einen Wort trat sie kurz vor den Plädoyers von der Nebenklage zurück. Ihr Vorwurf: Das Gericht stehe unter dem Einfluss der kambodschanischen Regierung, die kein Interesse an dem Verfahren habe. Die Aufsplittung in Teilverfahren verzögere den Prozess.
Eröffnungsplädoyers im Rote-Khmer-Prozess
U. Schmidt, ARD Singapur
21.11.2011 08:25 Uhr
Um überhaupt zu Urteilen zu kommen, hatte das Gericht kürzlich diese Aufsplittung beschlossen. Begonnen wird aber mit dem Anklagepunkt Massenvertreibungen, die Anklagen Völkermord und Kriegsverbrechen etwa sollen erst später verhandelt werden. Falls es noch ein "später" gibt. Die Angeklagten sind zwischen 79 und 86 Jahre alt.
Ven Dara war als Jugendliche Mitglied der Roten Khmer, sie ist noch jetzt davon überzeugt, dass damals nicht alles falsch war. Und sie findet es grundsätzlich nicht richtig, den Prozess auf nur vier Angeklagte zu beschränken: "Es waren doch viel mehr Rote-Khmer-Führer für das Töten verantwortlich. Es ist ungerecht, sich jetzt nur vier herauszusuchen, Das ist doch ein unfaires Verfahren", sagt eine, die wohl eher auf der Seite der Angeklagten ist. Es müsse weitere Verfahren geben, sagen aber auch Opfervertreter. Allerdings: Die Vereinten Nationen werden Ende des Jahres rund 150 Millionen Dollar für den Außerordentlichen Gerichtshof ausgegeben haben. Das Interesse, nachzuschießen, ist gering.
In zwei Wochen sollen nun in Phnom Penh die ersten Zeugen vernommen, die ersten von etwa 1000.
Stand: 21.11.2011 08:52 Uhr
