Hand hält Ordner mit Aufschrift "Mafia Capitale"

Kampf gegen 'Ndrangheta Mafiabossen werden Kinder weggenommen

Stand: 22.12.2016 13:35 Uhr

In Familien der kalabrischen 'Ndrangheta werden schon Kinder in kriminelle Machenschaften hineingezogen. Ein Gerichtspräsident entzieht Mafiabossen daher das Sorgerecht und holt Minderjährige aus den Clans heraus.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

In Kalabrien, ganz im Süden Italiens, findet gerade ein Experiment statt. Man versucht dort, den Kampf gegen die Mafia mit anderen Mitteln zu führen. Verhaftungen, Beschlagnahmungen, "law and order", reichen nicht aus gegen die 'Ndrangheta, die kalabrische Version der Mafia. Sie gilt als die zur Zeit mächtigste Form des organisierten Verbrechens, erwirtschaftet Untersuchungen zufolge über 50 Milliarden Euro Jahresumsatz - mit Drogen- und Waffengeschäften, Müllentsorgung und Bauaufträgen.

Familien sind der wunde Punkt

Die eigentliche Macht der 'Ndranghta aber sind die Familien. Sie halten zusammen. Und die Kinder der Clans sind der Nachwuchs. Auch deshalb drängt Roberto Di Bella, der Präsident des Jugendgerichts in Reggio Calabria, auf ein Umdenken:

"In den letzten drei Jahren haben wir unsere Verfahrensweise verändert. Wir nehmen den Mafiabossen das Sorgerecht weg und nehmen die Minderjährigen aus den Mafia-Familien heraus - und zwar dann, wenn ihnen offensichtlich Schaden zugefügt wird. Wir greifen also nicht ein, nur weil es eine Familie der Mafia ist, sondern wenn die mafiösen Erziehungsmethoden eine konkrete Gefahr für die psychophysische Entwicklung des Kindes darstellen."

Kokain und Schusswaffen von Kindesbeinen an

In den Clan-Familien wird schon kleinen Kindern beigebracht, wie man Kokain streckt, wie man schießt. Di Bella hat immer wieder minderjährige Killer vor sich. Wer die Kinder aus den Familien holt, so die Rechnung, der durchbricht den ewigen Kreislauf. Di Bella ist es leid, dass erst unweigerlich die Väter verurteilt werden, dann die Kinder und schließlich die Enkelkinder. Er will nicht, dass der Weg der 'Ndrangheta-Kinder vorgezeichnet ist.

Sportwaffen | Bildquelle: dpa
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Mafiakinder lernen häufig von Kindesbeinen an den Umgang mit Waffen ...

Symbolbild Drogen Kokain | Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotop
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... und das Strecken von Kokain.

Es ist ein Experiment: Die Eltern verlieren das Sorgerecht und ihre Kinder kommen dann zum Beispiel zu Enrico Interdonato. Mit der Fähre nach Messina ist es gar nicht weit zu ihm, aber es ist eine andere Welt:

 "Ich benutze gern dieses Bild, diesen Scherz: Die Gesetzeshüter, die Polizei, unterwandern die 'Ndrangheta mit verdeckten Ermittlern. Wir machen das Gegenteil, wir schleusen die Jugendlichen incognito in die Antimafia-Welt ein. Dadurch haben die Jugendlichen eine Chance, ohne dass jemand ihren Nachnamen kennt. So können sie frei und spontan sein."

"Du musst Deinen Vater lieben - auch wenn er ein Killer ist"

Die Kinder der 'Ndrangheta sollen einen fürsorglichen Staat kennenlernen - und nicht einen, der nur Gewalt anwendet. Und sie sollen erfahren, dass ein anderes Leben möglich ist, auch wenn der Vater in einer Clanfehde getötet wurde, oder im Gefängnis sitzt, sagt Interdonato:

"Frei, eine Entscheidung zu treffen - das bedeutet: Du kannst, oder besser, Du musst deinen Vater lieben. Auch wenn Du ihn jeden Monat im Gefängnis besuchen musst, auch wenn er getötet hat, bleibt er Dein Vater. Ich weiß, dass Du ihn liebst - und das ist richtig so. Doch es steht nirgendwo geschrieben, dass Du auch dort landen musst."

Enrico Interdonato, Psychologe
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Enrico Interdonato, Psychologe

Bessere Zukunft anstelle von Tod und Gefängnis

Rund 30 Kinder haben sie schon aus den Familien geholt und den Eltern die Sorge entzogen. Dagegen gibt es Widerstand, vor allem von den Vätern. Roberto Di Bella, der Jugendrichter, kann sich nur mit Eskorte bewegen. Aber inzwischen gibt es ein paar Frauen, die ihren Familien den Rücken kehren und die für ihre Kinder eine andere Zukunft wollen als Tod oder Gefängnis, sagt Mimmo Nasone aus Reggio Calabria, der für die Antimafia-Organisation Libera arbeitet:

"In diesen Jahren ist etwas wirklich Revolutionäres passiert: Einige Mütter oder Ehefrauen dieser Mafiosi, aus Mafia-Familien, haben starke Gewissensbisse bekommen. Sie haben schon einen Preis bezahlt. Denn oft sind die Ehen in Mafia- oder 'Ndrangheta-Familien hier in Reggio Calabria nicht der Liebe entsprungen. Oft sind es zwischen mafiösen Familien arrangierte Ehen, um Verbündete zu haben und die Macht zu stärken. Einige Mütter entscheiden, dass ihre Kinder nicht dieselbe Gewalt erleben sollen, die sie selbst erlebt haben."

Es ist ein zarter Anfang. Aber vielleicht lässt sich so der Kampf gegen die 'Ndrangheta doch noch gewinnen. Irgendwann.

Kinder der 'Ndrangheta - neue Strategie im Kampf gegen die Mafia
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
22.12.2016 10:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Dezember 2016 um 09:10 Uhr

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