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Zusammen mit Tausenden Einwohnern von New Orleans hat US-Präsident Obama der Opfer des Hurrikans "Katrina" gedacht. Unter jenen, die damals alles verloren, waren viele Musiker. Nur langsam kehren sie zurück und beleben die berühmte Jazz-Szene neu. Einer ist Michael Harris.
Von Nicole Markwald, RBB-Hörfunkstudio Washington
Ein Lastwagen karrt neues Material heran, Bauarbeiter mit gelben Helmen begutachten den Fortschritt ihres riesigen Projekts. Das ist das Musikzentrum, sagt Michael Harris stolz und zeigt auf die große Tafel mit dem Entwurf, die am Bauzaun lehnt.
[Bildunterschrift: Die Schäden durch "Katrina" sind noch immer sichtbar. ]
Dann geht der Blick von Harris nach oben. Er zeigt auf Metallscharniere, die in Reih und Glied an den Dachbalken angebracht sind und jeden Balken doppelt mit den tragenden Holzbalken verbinden. Das ist Hurrikan-gerechter Dachbau, erklärt Harris enthusiastisch, eine extra verstärkte Dachkonstruktion, das sehe man hier überall im Dorf. Die Bauarbeiter leisteten wirklich gute Arbeit.
Harris selbst ist kein Bauarbeiter. Seine Welt ist die Musik und sein Dorf ist das Musikerviertel in New Orleans. Drei Brüder und vier Schwestern hat er und alle haben schon als Kinder ihr erstes Instrument in die Hand genommen - doch nur Michael hat seitdem nicht mehr aufgehört zu spielen.
Michael Harris ist Berufsmusiker, kein einfaches Leben, wie der 56-Jährige einräumt, aber sein Traumberuf. Er spielt für verschiedene Projekte und reist durch die Welt: mit dem multiethnischen Chor Shades of Praise zum Beispiel, aber Harris spielt auch zu Hause in New Orleans mit der R’n’B-Legende Clarence "Frogman" Henry. Die Musik, sagt er, war alles, was ihm nach Hurrikan "Katrina" blieb. "Die Musik hat mich getröstet und mich weitergebracht. Ich wollte nicht feststecken und nur meinen Verlust betrauern. Man muss nach vorne schauen."
Seine Gitarre lehnt am Küchentisch, noch immer fällt es Harris schwer, über Katrina zu sprechen. Er faltet die Hände und blickt aus seinem Fenster. "Ich habe noch immer keine Worte, um zu beschreiben, wie schlimm die Zerstörung wirklich war."
Sein Zuhause stand im Lower Ninth Ward, dem armen, schwarzen Viertel der Stadt. Rund die Hälfte der 1800-Katrina-Opfer kamen hier ums Leben. Auch Tage nach dem Sturm ragten nur Hausdächer und Baumwipfel aus dem Wasser, der Rest stand in einer braunen, giftigen Brühe. Einerseits hatte Harris Glück: Er selbst war gerade auf dem Heimweg von einer Tour in Brasilien, auch seine Familie hatte New Orleans vor dem Sturm rechtzeitig verlassen. Harris fand zunächst Unterschlupf bei einem Bruder im texanischen Houston. Andererseits verlor die Familie ihren gesamten Besitz.
Von der Gewitterwolke über dem Wasser zum verheerenden Hurrikan. [Flash]
Erst Monate später, im Dezember, erhielt er die Erlaubnis, in sein Viertel zurückzukehren. Aber alles, was der Musiker vorfand, war Zerstörung, Müll und Totenstille. "Das alles im Fernsehen zu sehen, ist eine Sache. Aber es mit eigenen Augen zu sehen, der Geruch und diese betäubende Ruhe - als ich gefahren bin, haben Kinder auf der Straße gespielt. Als ich wiederkam, gab es nicht mal mehr Vögel. Es war absolute Stille."
Sein Haus hatte sich vom Fundament gelöst und war knapp zwei Meter nach links gerutscht und nach Monaten im Wasser von Schimmel befallen und unbewohnbar geworden. Nichts war ihm geblieben, keine Fotos, keine Erinnerungsstücke von Reisen um die Welt, keine Noten und keine Unterlagen. Gitarren, Bass, Klavier - ein Haufen Müll.
[Bildunterschrift: "Katrina" hatte die Musikergemeinschaft in alle Winde zerstreut. Nur langsam kehren sie zurück nach New Orleans. ]
Auch fünf Jahre später hat Harris Mühe, mit den Folgen von "Katrina" zu leben. Man muss lernen, sich nicht von materiellen Dingen abhängig zu machen, erzählt er. Das sei schwierig und brauche Zeit. Und doch schätzt sich der Vater und Großvater glücklich, denn er lebt wieder in seinem geliebten New Orleans, in einem nagelneuen, sturmsicheren Haus. Der schlichte Bau steht im Upper Ninth Ward im Musikerviertel, ein Projekt der Jazz-Musiker Branford Marsalis und Harry Connick Jr. in Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation Habitat for Humanity. Speziell Musiker sollten zu guten Konditionen zurück nach New Orleans, der Wiege des Jazz gelockt werden. Es galt, die musikalische Tradition der Stadt zu bewahren, schließlich sollte der Naturkatastrophe keine kulturelle Katastrophe folgen.
Eine Bedingung war, dass man beim Hausbau selbst mitanpacken musste. "Sweat equity" - Schweiß als Eigenkapital ist Teil des Konzepts. Viele besitzen zum ersten Mal in ihrem Leben Wohneigentum. Nun leuchten die Häuser lebensfroh in grün, gelb oder lila - durch ein offenes Fenster dringt Klaviermusik, viele Vorgärten sind üppig bepflanzt. Harris grüßt seinen Nachbarn, ein großer, alter Mann sitzt auf seiner Veranda und winkt. Das ist Bob French, sagt Harris, eine Schlagzeug-Legende in New Orleans. Das ist mein Nachbar, sagt er so, als ob er sein Glück selbst nicht fassen kann.
French leitet das Original Tuxedo Jazz Orchestra. Den Job hat er von seinem Vater Papa French übernommen, der die Band seit 1954 geleitet hatte. Die Familie sei eine wahre Jazz-Dynastie in New Orleans, sagt Harris.
Dass überhaupt so viele Musiker wieder in New Orleans wohnen, ist ein kleines Wunder. Denn insgesamt sind bisher nur rund ein Viertel der ehemaligen Bewohner des Lower Ninth Ward zurückgekehrt. Man musste ganz von vorn anfangen, erzählt Harris. "Das Netzwerk war vollständig kaputt. Wir waren eine kleine, sehr enge Musikergemeinschaft, aber "Katrina" hat uns in alle Winde zerstreut."
Nach dem Sturm wurde die Vorwahl von New Orleans außer Betrieb genommen - das betraf auch das Mobiltelefonnetz. Sich einfach so zusammen zu telefonieren war unmöglich. Nach und nach kehrten die Menschen in die traditionsreiche Musikstadt zurück. Harris nennt sein Viertel einen "Leuchtturm der Hoffnung" , er strahlt regelrecht und hofft, dass das Projekt noch viele weitere Ex-New-Orlinians nach Hause lockt. "Die Idee dahinter ist, die Tradition weiterzuführen. Die Musik darf nicht sterben. Mein Nachbar Bob hat so viel Erfahrung und auch die anderen Musiker im Viertel - wir alle fühlen uns persönlich dafür verantwortlich, das, was wir gelernt haben, weiterzugeben."
Im Frühjahr soll das Herzstück, das Ellis Marsalis Musikzentrum, fertig sein. Musikaufnahmen, Konzerte, Workshops und Musikkurse wird es dann im Lower Ninth Ward geben, dem Ort, der vor fünf Jahren zum Sinnbild für eine entsetzliche Naturkatastrophe und staatliches Versagen wurde. Vollkommen verdaut hat Harris "Katrina" bis heute nicht, er arbeite noch daran: "Das ist unser tägliches Brot, der Wiederaufbau, die Genesung der Stadt. Das ist schwer, wenn man weiß, was es hier vorher gab. Vieles davon ist weg. Aber es wird besser. Wir können einfach froh sein, dass wir überlebt haben. Viele Menschen haben ihre Liebsten verloren."
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