Der Papst spricht das "Urbi et Orbi". | Bildquelle: AFP

Das Jahr 2015 im Vatikan Sex und Barmherzigkeit

Stand: 29.12.2015 00:26 Uhr

Es war ein bewegtes Jahr für die katholische Kirche: Ein neuer Skandal erschütterte den Vatikan. Die Bischofssynode wagte sich an umstrittene Themen. Aber auch wenn es keine Öffnung gab, so soll bislang Ausgegrenzten vergeben werden.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

In diesem Jahr gab es sogar kräftigen Applaus von den Kardinälen und Bischöfen der römischen Kurie bei der Ansprache des Papstes zum Jahresabschluss. Vor einem Jahr war die Reaktion noch deutlich verhaltener: 2014 hatte Franziskus den Eminenzen und Exzellenzen die Leviten gelesen, ihnen "spirituelles Alzheimer" vorgeworfen, Gleichgültigkeit und Profitstreben.

Zum Ende dieses Jahres ging er wieder darauf ein: "Im vergangenen Jahr sind wir einigen Versuchungen und Krankheiten begegnet, die Liste der kurialen Krankheiten. Einige von ihnen wurden im Laufe dieses Jahres offensichtlich. Sie haben dem ganzen Leib nicht wenig Schmerzen bereitet und viele Seelen verletzt, auch durch den Skandal."

Vatikan mit dem Petersdom | Bildquelle: picture alliance / dpa
galerie

Zwei Bücher über die Geheimnisse hinter den Mauern des Vatikan erschienen 2015.

Einen neuen Vatileaks-Skandal gab es zum Beispiel: Zwei Bücher erschienen mit pikanten Details zu vatikanischem Finanzgebaren, Kardinälen, die in bis zu 500 Quadratmeter großen Wohnungen leben, Spendengeldern, mit denen Finanzlöcher gestopft werden. Ein Kuriengeistlicher tauchte auf, der in eine Sexaffäre verstrickt war, ein anderer, dem wegen Missbrauchsfällen der Prozess gemacht wurde.

Schließlich gab es noch das medienwirksame Coming Out eines homosexuellen Mitarbeiters der Glaubenskongregation, der mit der Kurie hart ins Gericht ging. "Im Namen der Kirche möchte ich Euch um Vergebung bitten. Für die Skandale, die in letzter Zeit passiert sind, in Rom und im Vatikan. Ich bitte Euch um Vergebung", sagte der Papst dazu.

Der Umweltpapst

Es war aber auch das Jahr, in dem Franziskus endgültig zum Umweltpapst wurde. In seiner Enzyklika "Laudato Si", die im Mai nach monatelanger Arbeit am Text veröffentlicht wurde, ruft er zur Bewahrung der Schöpfung auf und zur Sorge aller Menschen "für das gemeinsame Haus."

Damit wollte er auch Einfluss nehmen auf die Klimakonferenz in Paris: "Die Erde ist uns anvertraut worden, damit sie für uns wie eine Mutter ist, die jedem das gibt, was er zum Leben braucht. Die Erde ist kein Erbe, dass wir von unseren Eltern bekommen haben, es ist eine Leihgabe unserer Kinder, damit wir sie schützen, dafür sorgen, auf dass sie weiter besteht und wir sie ihnen zurückgeben.

Plädoyer für verantwortungsvolle Elternschaft

Wenig klimafreundlich aber eindrucksvoll waren die Reisen des Papstes. Zum Beispiel nach Kuba und in die USA, nach Südamerika und Zentralafrika, nach Sri Lanka und auf die Philippinen. Dabei wollte der Papst die katholischen Kirchen vor Ort stärken, aber auch politisch legte er den Finger in die eine oder andere Wunde.

Hin und wieder stieß er dabei auch konservative Katholiken vor den Kopf, zum Beispiel auf dem Rückflug aus Manila. Da wurde der Papst angesichts der großen Kinderarmut auf den Philippinen gefragt, ob die katholische Haltung zum Thema künstliche Verhütung eine gute Idee sei. Die Antwort war unorthodox: "Einige glauben, entschuldigt diesen Ausdruck, dass wir, um gute Katholiken zu sein, wie die Kaninchen sein müssen. Nein. Verantwortungsvolle Elternschaft. Das ist klar."

Schwierige Themen: Geschiedene, Homosexualität, Verhütung

Dann gab es noch die drei Wochen der Bischofssynode im Oktober zum Thema Familie mit den großen Streitpunkten, bei denen sich die katholische Kirche besonders schwer tut: dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, mit Homosexuellen, mit Sex und Verhütung.

Bischöfe im Vatikan | Bildquelle: dpa
galerie

Große Streitpunkte wurden gewälzt bei der Bischofssynode im Herbst.

Für Papst Franziskus war das eine Bewährungsprobe: "Was der Herr von uns verlangt, ist schon alles im Wort 'Synode' enthalten: zusammengehen. Laien, Priester, der Bischof von Rom. Das kann man leicht mit Worten ausdrücken, aber nicht so leicht in praktisches Handeln umsetzen."

Die Öffnung der katholischen Kirche, auf die viele gehofft hatten, gab es am Ende nicht. Franziskus machte sich aber für eine Dezentralisierung der Kirche auch in strittigen Fragen stark. Am Ende galt es schon als Erfolg, dass viele dieser Fragen offen gehalten wurden.

Vergebung im Jahr der Barmherzigkeit

Immerhin richtete Papst Franziskus im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das er am 8. Dezember in Rom eröffnete, den Blick auf die auch von der Kirche Ausgegrenzten: Auch Frauen, die abtreiben und damit gegen die Lehre der katholischen Kirche verstoßen, können in dieser Zeit - in diesem Heiligen Jahr - Vergebung erhalten.

Papst Franziskus | Bildquelle: AFP
galerie

Franziskus richtet sich im "Jahr der Barmherzigkeit" an die Ausgegrenzten.

Trotz der Skandale und Hindernisse ist Franziskus entschlossen, sein Programm fortzusetzen, auch 2016: "Die Reform wird weitergehen. Mit Entschlossenheit, Klarheit und Resolutheit. Denn die Kirche muss immer reformiert werden." Aber oft wird die Reform wohl nicht eine neue, revolutionäre Regelung sein. Sondern vielleicht nur ein neuer Ton.

Dieser Beitrag lief am 28. Dezember 2015 um 05:48 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: