Menschen stehen in einem Terminal am Flughafen von Katar | Bildquelle: AFP

Streit zwischen Golfstaaten Wie die Krise in Katar Familien zerreißt

Stand: 16.06.2017 13:04 Uhr

"Schlimmer als die Mauer in Berlin": 13.000 Menschen sind laut der katarischen Menschenrechtsorganisation von der Krise betroffen, weil umliegende Staaten ihre Bürger aus Katar zurückrufen oder Katarer ausweisen. Viele Familien werden auseinandergerissen.

Von Sabine Rossi, ARD-Studio Kairo

Abdullah war auf Dienstreise in seiner alten Heimat Katar, als die diplomatische Krise am Golf begann. Seit gut 20 Jahren lebt Abdullah in Dubai, ist mit einer Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten verheiratet. Sie haben drei Kinder. Nun sitzt er in Katar fest. Seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen, aus Angst um seine Familie. "Es ist ganz normal, dass sich Brüder innerhalb einer Familie streiten. Aber muss dieser Streit auch Auswirkungen auf die Familien haben?", sagt er über die derzeitige Situation am Golf.

Reisefreiheit am Golf eingeschränkt

Wenn Abdullah von den Staaten am Golf als "Brüdern“ spricht, ist er nicht allein. Viele in der Region bezeichnen sich selbst als Khaliji, als einer oder eine vom Golf. Für die Bürger der Golfstaaten galt bislang Reisefreiheit. Kataris konnten ohne Probleme in Saudi-Arabien, Bahrain oder den Vereinigten Arabischen Emiraten leben und arbeiten.

Auch durch Familienbande sind die Golfstaaten eng mit einander verflochten. Offiziell haben rund 6500 Kataris eine Frau oder einen Mann aus einer Nachbarmonarchie geheiratet. Viele haben dort Geschwister, Cousins, Onkel und Tanten. Aber so wie Abdullah sind sie jetzt getrennt.

Nach Angaben der katarischen Menschenrechtsorganisation sind 13.000 Menschen von der Krise betroffen - entweder weil Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain Katarer ausweisen oder ihre Landsleute zur Rückkehr in die Heimat aufgefordert hätten. Die kollektive Bestrafung sei "schlimmer als die Mauer in Berlin", sagt Kommissionsvorsitzende Ali bin Schmaich al Marri.

James Lynch kennt viele solcher Schicksale. Für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat er mit Betroffenen in Katar gesprochen. Er berichtet von einer Frau aus Katar, die ein Kind mit einem Mann aus Bahrain bekommen hat. "Damit das Kind in Bahrain angemeldet werden kann, verlangen die Behörden, dass es nach dort hinkommt - ohne die Mutter."

Familien zerstreiten sich wegen der Krise

Ähnliches könnte auch Abdullahs Kinder treffen. Von ihrem Vater haben sie die katarische Staatsangehörigkeit geerbt. Dubai könnte sie deshalb schon bald ausweisen. Für Abdullahs jüngste Tochter ist offen, wo sie nach den Sommerferien zur Schule gehen wird. Wie ihnen geht es vielen Kindern aus gemischten Ehen.

Abdullah hat von Familien gehört, die sich über die Krise zerstritten haben - einer steht auf der Seite Katars, der andere auf der Saudi-Arabiens. Mit seiner Frau diskutiere er nicht darüber, sagt Abdullah, aus Sorge, die Gespräche könnten abgehört werden. "Wenn ich mit meiner Frau telefoniere, reden wir nur darüber, wie es uns und den Kindern geht. Wir reden nicht über Politik, damit es keine Probleme gibt."

Positive Aussagen über Katar werden bestraft

Die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain haben Strafen für all die angekündigt, die sich positiv über Katar äußern. Wer Mitgefühl hat oder gar Verständnis für Katar, riskiert eine Geld- oder Gefängnisstrafe.

Die Angst am Golf ist groß, sagt James Lynch von Amnesty International. Die Menschen würden deswegen ungern mit Kataris reden oder ihnen helfen. Von einer Unterredung zwischen einem Geschäftsmann aus Katar, der seine Firma in Saudi-Arabien nun verlassen musste und dessen saudischen Freund, berichtet Lynch: "Als der Katari darum bat, dass sein Freund sich um seine Angestellten kümmern möge, hat der nur gesagt, dass er ihm nicht helfen könne, denn er wolle keinen Ärger. Dann hat er aufgelegt."

Abdullah hat wenig Hoffnung

Abdullah ist das bisher erspart geblieben. Sein Chef in Dubai hat auf seine E-Mail geantwortet. Noch muss er nicht um seinen Job bangen - anders als zahlreiche andere, die nun festhängen und nicht zum Arbeitsplatz kommen. "Mein Chef hat mir empfohlen, meinen Urlaub bis nach dem Zuckerfest am Ende des Ramadan zu verlängern. Er glaubt, dass es eine Lösung geben wird und alles wird wie vorher."

Abdullah selbst ist weniger optimistisch. Das Zuckerfest werde er wohl in Katar feiern - allein, ohne seine Familie.

Katar-Krise zerreißt Familien
S. Rossi ARD/Kairo
16.06.2017 10:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Juni 2017 um 5:50 Uhr

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