Kommentar

Krise in Katar Düsteres Bild hinter glänzenden Fassaden

Stand: 06.06.2017 11:10 Uhr

Katar inszeniert sich als modernes muslimisches Land. Ein genauer Blick entlarvt die PR-Strategie: Die Herrscher regieren teilweise unmenschlich. Doch das ist in Saudi-Arabien nicht anders und macht den Streit am Golf zu einem Thema auch bei uns.

Ein Kommentar von Constantin Schreiber, tagesschau.de

Die Stewardessen auf den Plakaten von Qatar Airways haben sich Schleier als schickes modisches Accessoire übergeworfen und lächeln. Schön, glücklich, herzlich. Scheicha Mossa, die immmerjunge Mutter des derzeitigen Herrschers von Katar, stellte die von ihr bezahlte "Qatar Symphonie" - ein Musical, das die Schönheit ihres Wüstenstaates preist - im Berliner Konzerthaus prominenten Gästen vor. Das hochmoderne islamische Museum in Doha, eine Fußall-WM, die die Wüstenstadt Doha auf eine Ebene hebt mit den Metropolen dieser Welt - das ist das Katar, das PR- und Imageberater entwerfen und mit viel Geld in die Welt transportieren.

Blick in das Khalifa International Stadium in Doha | Bildquelle: REUTERS
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Das Khalifa International Stadium in Doha. Hier sollen Spiele der WM 2022 stattfinden.

Rückzugsraum für fundamentale Islamisten

Diese PR will uns glauben machen: Katar ist ein einigermaßen aufgeklärtes, modernes Land, in dem das Arabisch-Islamische vor allem als farbenfrohe Folklore daherkommt. Das andere Katar wollen Imageberater möglichst unsichtbar lassen. Dieses Bild ist düster: Denn Katar ist Rückzugsraum für fundamentalistische Islamisten und radikale Prediger.

So hat zum Beispiel der islamistische Prediger Jussuf al-Karadawi in Katar nicht nur Unterschlupf gefunden, sondern inzwischen sogar die katarische Staatsbürgerschaft erhalten. Karadawi stammt aus Ägypten, war ein prominenter Vertreter der Muslimbruderschaft und gilt als eine der einflussreichsten Prediger im Nahen Osten. Er hat unter anderem Fatwas erlassen, nach denen Selbstmordanschläge im Namen des Islam erlaubt sind. Doch damit nicht genug: Er betreibt die Sendung "Scharia und Leben" im katarischen TV-Sender Al Dschasira. Darin verbreitet er immer wieder krude Thesen - unter anderem, dass der Westen die "Zivilisation des Anti-Christen" sei.

Krise trifft Katar schwer
nachtmagazin 00:30 Uhr, 07.06.2017, Alexander Stein, ARD Kairo

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Al Dschasira als Sprachrohr

Katar nutzt die Macht seiner Medien zunehmend politisch: Vorbei sind die Zeiten, in denen arabische Journalisten wie etwa der ehemalige Berlin-Korrespondent von Al Dschasira seinen Sender als "Insel der Meinungsfreiheit" im Nahen Osten bezeichneten. Die Berichterstattung während des Arabischen Frühlings war so eindeutig pro-Muslimbrüder, dass sich die Glaubwürdigkeit des Senders bis heute nicht davon erholt hat.

Mehr noch: Inzwischen gibt es Ableger des Senders auf dem Balkan und in der Türkei. Aus Senderkreisen hieß es vor Jahren, man denke darüber nach, einen deutschen Ableger zu starten, der sich an Muslime in Deutschland richte. Die Absicht dahinter: Informationsmacht über Muslime auch außerhalb der arabischen Welt.

Ich konnte meine eigene Erfahrung mit dem Sender sammeln: Im Sommer 2015 haben wir für Al Dschasira eine Pilotfolge einer arabischen Wissenschaftssendung produziert. Gedreht wurde in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Wir zeigten, wie Forscher mit neuen technischen Modulen versuchen, die Lebensbedingungen dort zu verbessern. Als die Folge zur Abnahme vorlag, wurden bei mehreren Formulierungen politische Aussagen hineinredigiert. Wegen dieser inhaltlichen Einflussnahme beendete ich schließlich die Zusammenarbeit.

Katar steht zu Recht in der Kritik

Auch die Lebensbedingungen in Katar sind kritikwürdig: Als vor ein paar Jahren eine deutsche Frau ein Kind zur Welt brachte, wurde sie wenig später verhaftet: Anhand der Ein- und Ausreisedaten ließ sich nachweisen, dass sie zum Zeugungszeitpunkt im Land gewesen sein muss. Da sie unverheiratet war, wurde sie schließlich wegen Sex vor der Ehe angeklagt.

Auch die WM, deren Stadien von Menschen erbaut wurden, deren Unterbringung, Verpflegung und Bezahlung man nur als unmenschlich beschreiben kann, steht zu Recht in der Kritik. Wie passt das zusammen? Man darf sich eine heutige arabische absolutistische Monarchie nicht gemäß der französischen Absolutismusformel "L'état c'est moi" - "Der Staat bin ich" - vorstellen. Der Emir oder Scheich hat mitnichten die komplette Macht in seinen Händen. Vielmehr gilt es, widerstreitende Interessen im Gleichgewicht zu halten.

In absolutistischen Monarchien wie Katar aber auch Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait gibt es Flügelkämpfe und interne Machtspiele. Liberale Neuerer stehen konservativen Kräften gegenüber. Alkoholausschank in Bars? Dann werden gleichzeitig islamische Zentren errichtet, um die Konservativen zu beruhigen. Es handelt sich also nicht nur um den Versuch, eine Fassade nach Außen aufzubauen, sondern vor allem, nach innen Ruhe zu schaffen.

Blick auf die Skyline von Doha | Bildquelle: AFP
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Blick auf die Skyline von Doha

Kritischer hinsehen, wo wir Urlaub machen

Was heißt das für uns? Nicht irreführen lassen! Die Saudis, Emiratis und Kuwaitis sind nicht die Guten, die sich jetzt dem Kampf gegen den Extremismus verschrieben haben. Genauso sind die Katarer nicht die Bösen. Das gesamte Gefüge am Golf ist mafiös, bigott, widersprüchlich.

Deshalb ist es natürlich bizarr, dass ausgerechnet Saudi-Arabien einem Nachbarstaat wegen Förderung des Islamismus die diplomatischen Beziehungen aufkündigt. Natürlich wissen wir nicht genau wie die Finanzströme des internationalen Terrors sind, aber es erscheint doch zumindest auffällig, dass die reichsten Länder im Nahen Osten, in deren Clubs, Hotels und Stränden alles andere als traditionell islamisch gelebt wird, von Anschlägen der Islamisten bisher - mit Ausnahme von Saudi-Arabien - verschont geblieben sind.

Es ist in jedem Fall naiv zu denken, Hochhäuser, Sportereignisse oder Strandurlaub seien Zeichen für Aufgeklärtheit oder eine Gemeinsamkeit zwischen dem Westen und den Golfstaaten. Es ist höchste Zeit, dass wir den PR-Versuchen der reichen Golfstaaten nicht länger erliegen, sondern kritischer hinsehen, wo wir da eigentlich Urlaub machen, mit wem wir Deals schließen, in wessen Hände wir internationale Großereignisse legen. "Erst das Fressen, dann die Moral" sollte bei Deals mit den Ländern im Nahen Osten jedenfalls nicht die Maxime sein.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichteten am 05. Juni 2017 tagesschau24 um 18:00 Uhr und die tagesschau um 20:00 Uhr. Am 06. Juni 2017 berichtete u.a. die tagesschau um 12:00 und 14:00 Uhr.

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