Streit um Unabhängigkeit von Spanien spaltet Katalonien

Mögliche Unabhängigkeit von Spanien

Streit um Geld und Sprache spaltet Katalonien

Der katalanische Regierungschef Mas soll heute vom Parlament im Amt bestätigt werden. Über eines der wichtigsten Wahlkampfthemen, eine mögliche Abspaltung Kataloniens von Spanien, will er per Volksabstimmung entscheiden lassen. Doch die Bevölkerung ist in dieser Frage tief gespalten.

Von Oliver Neuroth, SWR-Hörfunk, zzt. Barcelona

Katalonien muss unabhängig werden, findet Julia Bravo. Die 20-Jährige stammt aus Barcelona, lebt mit ihrer Familie aber seit vielen Jahren schon in der Nähe von Köln. Sie beobachtet aus der Ferne genau, was in ihrer Heimat passiert. "Beispielsweise könnte man Madrid mit Barcelona vergleichen: Die katalanischen Studenten bekommen maximal fünf Prozent der staatlichen Hilfen. Die Studenten in Madrid dagegen bekommen 58 Prozent." Sie sagt, die spanische Regierung benachteilige die Katalanen. "Ich möchte damit verdeutlichen, dass das Ungleichgewicht einfach sehr stark vorhanden ist und ich hoffe ganz inständig für die Katalanen, dass durch die Eigenständigkeit das Gleichgewicht in Spanien selber auch wieder hergestellt wird."

Spanien vor der Spaltung? Katalonien und die Unabhängigkeit
O. Neuroth, SWR
21.12.2012 13:09 Uhr

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Katalonien werde ungerecht behandelt. Dieser Meinung ist nicht nur Julia – tausende Katalanen denken so. Unter dem Motto "Independencia" – Unabhängigkeit sind in Barcelona im September zwei Millionen Katalanen auf die Straße gegangen. Viele von ihnen wollen sich von Spanien loslösen, um ihre Sprache zu stärken – das Katalanische. Sie fühlen sich dadurch bedrängt, dass die Zentralregierung das Hochspanische stärken will, zum Beispiel in Behörden und Schulen.

Angst vor der spanischen Wirtschaftkrise

Andere Katalanen befürchten, dass die spanische Wirtschaftskrise auch ihre Provinz schwächen könnte. "Katalonien sollte unabhängig werden. Wir arbeiten am meisten in ganz Spanien, aber müssen unser Geld an arme Regionen weitergeben", sagt einer. "Die Unabhängigkeit ist eine großartige und einzigartige Idee, die schon über 300 Jahre alt ist. Wir wollen sie im Einvernehmen verwirklichen – nicht als Feinde, nicht in der Konfrontation. Wir lösen uns von Spanien, bleiben aber Freunde", sagt ein anderer.

Katalonische Abgeordnete im spanischen Parlament am 12.12.12 (Bildquelle: dpa)
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Katalanische Abgeordnete protestieren im spanischen Parlament gegen die geplante Schulreform, die Hochspanisch in Schulen stärken soll.

Demonstration in Katalonien am 13.12.12 (Bildquelle: REUTERS)
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Tausende Menschen sind in Barcelona gegen die Schulreform auf die Straße gegangen. Viele von ihnen sind für die Unabhängigkeit Kataloniens.

Aber längst nicht alle Katalanen wollen unabhängig werden. Die Frage spaltet die Region – laut Umfragen ist etwa die Hälfte der katalanischen Bevölkerung für die Eigenständigkeit, die andere Hälfte dagegen: "Die starke Wirtschaft Kataloniens speist sich aus dem Rest Spaniens", sagt ein Katalone, der gegen die Unabhängigkeit ist. "Wenn Katalonien kein Teil Spaniens wäre, wäre es auch nicht so stark. Nur diese Verbindung gibt uns Kraft. Wir müssen zusammen kämpfen und weiter kommen."

Katalonien ist Netto-Zahler

Der katalanische Regierungschef Artur Mas (Bildquelle: dpa)
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Der katalanische Regierungschef Artur Mas will die Bürger per Volksabstimmung entscheiden lassen.

Viele Beobachter gehen davon aus, dass die geplante Volksabstimmung von Regierungschef Artus Mas erfolgreich sein könnte – sich also die Mehrheit der Katalanen für eine Trennung von Spanien ausspricht. Professor Carsten Sinner, Präsident des Deutschen Katalanistenverbandes, schätzt, dass ein Staat Katalonien überlebensfähig wäre: "Die Katalanen sind wirtschaftlich sehr stark. Sie sind sozusagen Netto-Beiträger in die spanische Schatulle, sehr viel Geld geht hin und sehr viel weniger kommt zurück", erklärt Sinner. "Die Spanier würden deswegen natürlich sehr viel verlieren, wenn die Katalanen rausgingen aus dem Staatsverband." Hinzu kommt: "Nach allem, was man in den letzten Monaten an wirtschaftlichen Berechnungen und Darstellungen gelesen hat, sieht es tatsächlich so aus, als würden die Katalanen kaum Probleme haben, alleine dastehen zu können."

Die großen Unternehmen und Banken Kataloniens sind allerdings gegen eine Abspaltung. Sie befürchten unter anderem, dass der Handel mit dem Ausland schwieriger werden könnte, weil Zollschranken zurückkehren würden. Denn ein neu gegründeter Staat Katalonien wäre nicht mehr Teil der Europäischen Union, hätte also auch nicht mehr den Euro als Währung. Beitrittsverhandlungen müssten ganz von vorne beginnen.

Spanien könnte EU-Beitritt Kataloniens verhindern

"Ich denke aber, dass die Katalanen dann sicherlich ein sehr starker Kandidat wären, um der Europäischen Union beizutreten. Die Katalanen erfüllen alles", so Sinner. "Allein dadurch, dass sie in Spanien sind und in Spanien selbst eben alles Mögliche an die EU-Gesetze angepasst wurde, sieht man, dass das bereits alles erfüllt ist, was man von ihnen verlangen könnte, um den Beitritt zu vollziehen."

Bleibt noch die Frage, ob die anderen EU-Staaten einem Beitritt Kataloniens zustimmen würden – vor allem Spanien. Die Regierung in Madrid könnte durch ein Veto den katalanischen Traum von einem eigenen EU-Staat platzen lassen. Auch Julia Bravo ist sich bewusst, dass Katalonien noch ein ganzes Stück von der Unabhängigkeit entfernt ist: "Die Menschen dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Ich hoffe für sie, dass sie bald die Eigenständigkeit schaffen."

Dieser Beitrag lief am 21. Dezember 2012 um 05:49 Uhr im Deutschlandfunk.

Stand: 21.12.2012 11:57 Uhr

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