Interview mit randalierenden Studenten in Srinagar.

Reportage aus Kaschmir "Wir wollen die Scharia"

Stand: 28.07.2017 04:59 Uhr

Im indischen Teil Kaschmirs liefern sich militante Studenten einen blutigen Kampf mit Sicherheitskräften. Ihr Ziel: ein streng religiöser, muslimischer Staat. In ihren Heimatdörfern gelten sie vielen als Helden. Und was sagen ihre Eltern? Jürgen Webermann hat einige getroffen.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Es ist früher Abend in Srinagar im indischen Kaschmirtal. Sie tragen Tücher über ihre Gesichter, um nicht erkannt zu werden. Sie sind jung: 18, 19, 20 Jahre alt. Einer von ihnen zeigt Wunden im Gesicht. Er hat eine Ladung Schrot abbekommen. Den ganzen Tag über gab es Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften. "Sie behandeln uns wie Tiere, nicht wie Menschen", erzählt er.

Interview mit randalierenden Studenten in Srinagar.
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Beim Interview mit dem ARD-Korrespondenten zeigt nur einer der Studenten sein Gesicht. "Wir werden unsere Freiheit bekommen", sagen sie selbstbewusst.

Eigentlich studieren sie Ingenieurwesen oder Wirtschaft

Die jungen Männer hier studieren eigentlich: Ingenieurswesen, Wirtschaft. Ihre richtigen Namen nennen sie nicht. Sie rufen "Gott ist groß!", "Lang lebe der Islam!" und "Lang leben die Gotteskrieger!".

"Wir sind hier, weil wir gerade einen unserer Brüder beerdigen. Er ist ein Märtyrer", erzählt einer der Männer. "Wir wollen Freiheit und wir werden sie bekommen." Sajjad heißt der militante Kämpfer, den sie gerade zu Grabe getragen haben. Am Vortag hatten ihn indische Soldaten erschossen. Burhan starb vor einem Jahr. Er war das Gesicht der Militanz. Bekannt durch WhatsApp und Facebook. Sein Tod löste vor einem Jahr monatelange, schwere Unruhen aus.

"Er war so ein wissbegieriger Mensch"

Der pensionierter Postbeamte Bashir Ahmad serviert Saft und Cola. "Ich habe meinen Sohn vor einem Jahr zum letzten Mal am Juli gesehen", sagt Ahmad.

Er lebt in einem kleinen Dorf im Süden Kaschmirs. Als das Gespräch auf seinen Sohn Sabzar kommt, schießen ihm Tränen in die Augen. "Er war so ein wissbegieriger Mensch. Er hat so gerne Kinder unterrichtet - umsonst. Er hat nie die Armut anderer Menschen ausgenutzt", erzählt der Vater.

Sabzars Vater Bashir (r.) und Bruder Shujat
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Sabzars Vater Bashir Ahmad mit seinem zweiten Sohn Shujat: "Mein Herz blutet"

"Er trug eine Maschinenpistole"

Sabzar wollte einen Doktortitel machen, er hatte einen Platz an einer Universität in Neu-Delhi. Aber dann verschwand er. "Wir haben ihn überall gesucht, in jedem Dorf. Ich habe viel Geld ausgegeben für die Suche."

Im Oktober 2016 klopften Soldaten an Ahmads Haustür. "Die Soldaten zeigten uns einen Videoclip auf Youtube", sagt Bashir Ahmad. In dem Clip habe er seinen Sohn erkannt. "Er trug eine Maschinenpistole." Sabzar Ahmad trägt jetzt einen Bart. Er ist einer von geschätzt mehr als 60 jungen Kaschmiris, die sich seit einem Jahr den selbst ernannten Gotteskriegern angeschlossen haben. Auch aus Pakistan versuchen junge Kämpfer, über die schwer bewachte Grenze zu gelangen.

Indien sagt, auch die Waffen der Militanten kämen aus Pakistan. Die indische Armee jagt die Mudschaheddin mit allen Mitteln. Seit Jahresbeginn töteten Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben mehr als hundert junge Männer. Die Soldaten riegeln ganze Dörfer ab, in denen sie Kämpfer vermuten. Häufig kommt es zu stundenlangen Schießereien.

Sicherheitskräfte erwarten wütende Menge.
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Die indische Armee jagt die Militanten mit allen Mitteln.

"Mein Herz blutet"

"Vielleicht wird er ja überleben", hofft Sabzars Vater. "Wir glauben an Gott. Er entscheidet. Wenn Sabzar überleben soll, dann wird er auch die Angriffe der Soldaten überstehen." Im Dorf gilt Sabzar als Held. Stolz empfindet sein Vater aber nicht: "Ich sage den Leuten dann, dass sie doch ihre eigenen Kinder schicken sollen. Wir trauern, wir beten, mein Herz blutet." Kaschmir brauche mehr Autonomie und weniger indische Soldaten, die Menschen drangsalieren, sagt Ahmad.

"Uns ist egal, was die Vereinten Nationen sagen"

Die Studenten in Srinagar träumen davon, selbst irgendwann Gotteskrieger zu werden. "Wir wollen einen islamischen Staat, die Scharia. Uns ist egal, was die Vereinten Nationen oder Amerika sagen", sagt einer der Jungs.

Dann marschieren sie los. Am Ende der Straße sind Sicherheitskräfte aufmarschiert. Zeit für den Reporter, sich zurückzuziehen. Gleich wird es Steine und Schrotkugeln regnen.

Kaschmir - Wir kämpfen für einen islamischen Staat
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
27.07.2017 16:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell BR am 28. Juli 2017 um 08:50 Uhr.

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