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Der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagte Ex-Serbenführer Karadzic hat auch am zweiten Tag seines Plädoyers alle Schuld von sich gewiesen. Das Massaker von Srebrenica sei ein "Mythos". Er forderte seinen Freispruch und konnte einen juristischen Teilerfolg verbuchen.
Von Jürgen Kleikamp, ARD-Hörfunkstudio Den Haag
Auftritt Radovan Karadzic: Ein freundliches Winken zu drei Gesinnungsgenossen hinter der Panzerglasscheibe im Zuhörerraum, ein fröhlicher Plausch mit zwei jungen Mitarbeiterinnen seines Wahlverteidigers, eine höfliche Bitte an den begleitenden Wachmann um einen Becher Wasser, ein Lächeln in Richtung des zweiten Wahlverteidigers - totale Missachtung des Pflichtverteidigers.
[Bildunterschrift: Karadzic gibt sich vor dem UN-Tribunal völlig sorglos - eine Schuld am Bosnienkrieg weist er weit von sich. ]
Karadzic, der vor dem UN-Tribunal wegen Völkermordes und zahlreicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt ist, wirkt völlig sorglos. Er macht nicht eine Sekunde den Eindruck, als könnten ihn die ihm zur Last gelegten Gräueltaten eines Tages für immer hinter Gitter bringen. Schließlich waren am Bosnienkrieg ja alle anderen Schuld, vor allem die Muslime, und doch kein Karadzic. Den Eindruck, dass die Muslime den Bürgerkrieg angezettelt haben und er sein kleines Bosnien nur verteidigt hat, vermittelt Karadzic auch am zweiten Tag seines Eröffnungsplädoyers vor dem Internationalen Gerichtshof.
Christoph Safferling, Marburger Professor für Internationales Straf- und Völkerrecht sowie Leiter des Internationalen Forschungs- und Dokumentationszentrums für Kriegsverbrecherprozesse, erkennt im Karadzic-Plädoyer deutliche Parallelen zur Strategie der Hauptangeklagten in den Nürnberger Prozessen gegen führende Nationalsozialisten. Damals hätten die Angeklagten, darunter als zentrale Figur Hermann Göring, den Prozess "als Plattform für politische Agitation missbraucht". Bereits während des Prozesses habe sich deshalb die Frage aufgedrängt, inwiefern den Nationalsozialisten eine Plattform geboten werden muss, um sagen zu können, dass sich das Deutsche Reich von der Sowjetunion angegriffen gefühlt habe.
[Bildunterschrift: Das Massaker von Srebrenica, bei dem 8000 männliche Muslime ermordet wurden, hält Karadzic für einen "Mythos". ]
Auch Karadzic macht mit der Schuldzuschreibung an die Adresse von anderen unverdrossen weiter. Das Massaker von Srebrenica, bei dem 8000 männliche Muslime im Alter von 12 bis 77 Jahren in den Wald gejagt und niedergemetzelt wurden, hält er für einen "Mythos". Die Massengräber der Opfer sind noch heute, 15 Jahre später, noch nicht alle entdeckt.
Karadzic bemängelt Unklarheiten in der Anklageschrift: "Dass ist ohne jede Erklärung der Anklage, was überhaupt mit Jungs gemeint ist." Dies sei eine rein emotionale Aussage, die andeuten solle, dass Serben Kinder töten würden. Seine Sichtweise auf Srebrenica hört sich dagegen so an: "Das können aber auch genauso 16- oder 17-Jährige gewesen sein, die Mitglieder der gegnerischen Truppen waren. Da war schließlich schrecklicher Terror, der von den dortigen Moslems ausgeübt wurde. Die schossen unserer Armee in den Rücken. Das kann keine Armee der Welt tolerieren."
Es herrscht Fassungslosigkeit im Zuhörerraum des Haager UN-Tribunals, Tränen glitzern in den Augen der Mütter von Srebrenica, von denen wieder einige den Prozess verfolgen. Aber muss das sein, muss der Vorsitzende Richter das zulassen? "Man kann natürlich die politischen Umstände nicht wegdiskutieren. Die sind Teil des ganzen zu verhandelnden Tatbestandes und dazu muss sich der Angeklagte, soweit es verfahrensrelevant ist, auch äußern dürfen", erklärt Jurist Safferling die Umstände.
Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic muss sich in Den Haag wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs verantworten.
Im Mittelpunkt der Anklage steht das Massaker von Srebrenica. Die insgesamt elf Anklagepunkte beziehen sich auch auf die 44-monatige Belagerung von Sarajevo, während der rund 10.000 Menschen ums Leben kamen.
Insgesamt wurden während des Bosnienkriegs 1992-1995 rund 100.000 Menschen getötet, mehr als zwei Millionen Menschen wurden vertrieben.
Nach seiner politischen Litanei und der Forderung, freigesprochen zu werden, konnte Karadzic auch einen juristischen Teilerfolg verzeichnen. Der Prozess wird erstmal wieder verschoben. Eine Berufungskammer will prüfen, ob der Angeklagte tatsächlich zu wenig Zeit für ein Kreuzverhör von Zeugen hatte.
Eigentlich sollte am Mittwoch bereits der erste Zeuge gehört werden. Bis Juni hat Karadzic nun Verschiebung beantragt. Dazu konnte O-Gon Kwon, der Vorsitzende Richter im Karadzic-Verfahren, nur kommentieren: "Da sind jetzt Zeugen für nichts nach Den Haag gereist."
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