Frauen in Sarajevo schauen im Fernsehen die Urteilsverkündung gegen Karadzic. Vor ihnen Bilder getöteter Angehöriger. | Bildquelle: dpa

Urteil gegen Karadzic Die Verbitterung bleibt

Stand: 25.03.2016 05:04 Uhr

Auch wenn der Kriegsverbrecher Karadzic das Gefängnis nicht mehr verlassen wird, sind viele Bosnier unzufrieden über das Urteil der Richter in Den Haag. Sie hoffen auf Nachbesserungen. Nationalistisch gesinnte Serben wiederum sehen sich als Sündenbock.

Von Stephan Ozsváth, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa

Viele Bosniaken verfolgten die Urteilsverkündung in Den Haag im Fernsehen, sie wurde live übertragen. In den Cafés der Hauptstadt Sarajevo erfuhren die bosnischen Muslime das Urteil: 40 Jahre Haft für Radovan Karadzic wegen des Völkermordes in Srebrenica, der Belagerung von Sarajevo und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Doch Genugtuung will sich nicht einstellen. "Schrecklich", sagt ein Mann. "Auch wenn sie ihn zu 100 Jahren verurteilt hätten, es wäre vergeblich." Denn Karadzic sei nicht wegen Völkermordes in sieben Gemeinden im Westen und Osten Bosniens verurteilt worden.

Serbenführer Karadzic wegen Völkermords verurteilt
tagesthemen 23:15 Uhr, 24.03.2016, Arnim Stauth, WDR

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Hoffnung auf Änderungen am Urteil

Der bosniakische Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium, Bakir Izetbegovic, hofft auf Korrekturen. "Es ist sehr wichtig, dass über eine schreckliche Ideologie und Politik geurteilt wurde", sagt der Sohn des früheren bosnischen Präsidenten Alilja Izetbegovic. "Zwar wurden die Geschehnisse in sieben Gemeinden nicht als Völkermord definiert. Aber wir hoffen, dass dieses Unrecht bei der Berufung korrigiert wird." Die Angehörigen der Opfer des Massakers von Srebrenica hatten lebenslänglich für Karadzic gefordert. Karadzics Anwälte wiederum haben bereits Berufung angekündigt.

Serbische Kämpfer hatten im Juli 1995 etwa 8000 Jungen und Männer umgebracht, auch den Mann und die beiden Söhne von Hatidza Mehmedovic. Sie ist Mitglied des Vereins "Mütter von Srebrenica", der gegen Karadzic geklagt hatte. "Wir sind verbittert, sagt sie, denn er war Gestalter, Ideologe, Schöpfer - gemeinsam mit Milosevic und anderen, die an dem Projekt gearbeitet haben, ein Volk in einem Gebiet zu vernichten."

Tiefe Verbitterung

Selbst wenn der 70-jährige Karadzic das Gefängnis nicht mehr lebend verlässt, bleiben viele Bosniaken enttäuscht, sollte das Urteil Bestand haben. Zu tief sind die Wunden des Krieges, der 100.000 Menschen das Leben gekostet hat.

"Ich wünschte, sie würden ihn töten", sagt eine Frau, die fliehen musste. "Er hat mich vertrieben. Seinetwegen musste ich nach Norwegen fliehen, wo ich heute noch lebe."

Bosnische Serben benennen Studentenheim nach Karadzic

Auch die Serben sind nicht zufrieden mit dem Urteil in Den Haag. "Wenn Versöhnung das Ziel des Urteils war, dann muss man sagen: Es gab nie so viel Misstrauen in Bosnien und Herzegowina. Dieses Urteil wird sicher noch mehr dazu beitragen", sagt der Ministerpräsident der serbischen Teilrepublik Bosniens, Milorad Dodik.

Am Wochenende hatte Dodik in Pale, dem Heimatort der Familie Karadzic ein Studentenheim eingeweiht, das nach dem jetzt verurteilten Kriegsverbrecher benannt ist.

Dodik mit der Frau von Karadzic und dessen Tochter Sonja | Bildquelle: REUTERS
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Der Nationalist Dodik mit einer Tochter Karadzic' und seiner Frau in Pale, wo er ein Studentenheim auf den Namen Karadzic taufte.

In der serbischen Hauptstadt Belgrad gingen 5000 Radikale auf die Straße. Sie sind Unterstützer von Vojislav Seselj. Auch über ihn wird in Den Haag verhandelt, das Urteil fällen die Richter nächste Woche. Vor seinen Anhängern sagte Seselj: "Das Urteil gegen Karadzic ist ein Urteil gegen das ganze serbische Volk. Das Haager Tribunal schreibt die Geschichte neu. Für alles Böse sind nach dieser Lesart die Serben zuständig", schimpfte der Ultranationalist. All jene, die gegen die Serben seien, würden von den Westmächten und vom Haager Tribunal unterstützt. Er nannte Kroaten, bosnische Muslime und Albaner.

Die serbische Regierung will im Verlaufe des Tages über das Urteil beraten.

Urteil gegen Karadzic: Die Verbitterung bleibt
S. Ozsváth, ARD Wien
25.03.2016 05:19 Uhr

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