Plädoyer im Prozess gegen Karadzic "Dieses Verbrechen ist Völkermord!"

Stand: 29.09.2014 17:25 Uhr

Im Prozess gegen den früheren bosnischen Serbenführer Karadzic stehen die Schlussplädoyers an. Die Anklage vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal fordert lebenslang. Karadzic sei für ethnische Säuberungen verantwortlich.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Hörfunkstudio Den Haag

Die ersten beiden Tage des "Prozess-Finales" gehören der Anklage. Staatsanwalt Alan Tieger hat das Wort. Der amerikanische Jurist wird eine lebenslange Haftstrafe für Karadzic fordern - das ist schon seit Tagen bekannt. Die Schuld des ehemaligen bosnischen Serbenführers sei bewiesen, so Tieger in seinem Schlussplädoyer. "Nach mehreren Hundert Zeugen, fast 50.000 Seiten Prozessakten und mehr als 10.000 Beweisen haben wir die Strategie der ethnischen Säuberung komplett aufgedeckt und Dr. Karadzic als treibende Kraft dahinter entlarvt", heißt es in seinem Plädoyer.

Erster Tag der Schlussplädoyers im Karadzic Prozess
L. Kazmierczak, ARD Den Haag
29.09.2014 16:22 Uhr

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Als damaliger politischer Kopf der bosnischen Serben trage der Angeklagte die Verantwortung - sowohl für das Massaker von Srebrenica, als auch für die dreijährige Belagerung der Stadt Sarajewo und für die unmenschliche Behandlung von Gefangenen in den Lagern im Nordwesten Bosniens. Karadzic könne sich nicht damit herausreden, von den Verfolgungen, Vertreibungen und Massenmorden der Militärs und Paramilitärs nichts gewusst zu haben.

Der ehemalige Anführer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic | Bildquelle: AFP
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Der ehemalige Anführer der bosnischen Serben, Karadzic, zu Beginn des Prozesses

Karadzics und Mladics gemeinsamer Plan

Tieger zitierte aus Protokollen von Gesprächen zwischen Karadzic und dessen Armeechef Ratko Mladic. Den Plan von einem ethnisch gesäuberten serbischen Staat hätten beide gemeinsam umgesetzt, so der Ankläger "Die Verbrechen waren nicht gegen die Opfer als Individuen gerichtet. Nein, sie richteten sich gegen die Mitglieder einer unerwünschten Bevölkerungsgruppe", so Tieger. "Karadzic wollte Bosnien demographisch neu ordnen, indem er die muslimische und die kroatische Bevölkerung vernichten ließ. Die einzig angemessene Bezeichnung für dieses Verbrechen ist Völkermord!"

Tieger konfrontierte den 69-Jährigen mit einer ganzen Reihe von Aussagen, die Karadzic als Parlamentspräsident Anfang der 90er-Jahre gemacht hatte. Zitate, die nach Auffassung der Ankläger, das wahre Ich des Politikers offenbaren. "Moslems und Serben", so zitierte Tieger Karadzic, "sind wie Öl und Wasser, wie Hund und Katze, wie zwei Pflanzen, die nicht nebeneinander wachsen können. Gibst du sie beide in einen Topf, sie werden sich niemals zu einer schmackhaften Suppe vermischen."

Der serbische Ex-General Ratko Mladic | Bildquelle: dpa
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Laut Staatsanwalt setzte Karadzic gemeinsam mit dem ehemaligen Armeechef Ratko Mladic den Plan um, den serbischen Staat ethnisch zu säubern.

Der Angeklagte verzog keine Miene

Der frühere Politiker, Psychiater und Poet lauschte aufmerksam den Ausführungen der Staatsanwaltschaft. Mit Lesebrille auf der Nase machte er sich Notizen, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen. Anders als der ebenfalls in Den Haag vor Gericht stehende Ratko Mladic hält sich Karadzic brav an die Spielregeln des Tribunals. In der Rolle als sein eigener Verteidiger hat er nach Ansicht von Prozessbeobachtern durchaus überzeugt, obschon die Beweise gegen ihn in einigen der elf Anklagepunkte schwer wiegen.

Karadzics Plädoyer diese Woche - Urteil nächstes Jahr

Er selbst wird seinen letzten großen Auftritt am Mittwoch und Donnerstag haben - bei seinem Schlussplädoyer. Danach ziehen sich die Richter zu langwierigen Beratungen zurück, denn der Karadzic-Prozess ist einer der umfangreichsten in der mehr als zwanzigjährigen Geschichte des Tribunals.

Vermutlich wird das Urteil mehrere Hundert, wenn nicht gar 1000 Seiten umfassen. Es wird wohl frühestens im Sommer des kommenden Jahres verkündet.

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