Mehrere Asylsuchende aus den USA kommen am Olympia-Stadion in Montreal an, wo sie vorerst untergebracht werden | Bildquelle: AP

Asylsuchende aus den USA Montreal bietet Zuflucht im Stadion

Stand: 03.08.2017 16:15 Uhr

Das veränderte politische Klima in den USA veranlasst immer mehr Asylsuchende, das Land zu verlassen. Und zwar in Richtung Norden. Die kanadische Stadt Montreal verwandelt daher ihr Olympiastadion in eine Notunterkunft.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

Ein Reisebus ist vor Montreals Olympiastadion vorgefahren. Den verlassen aber nicht etwa Sportfans oder Konzertbesucher, sondern Flüchtlinge, berichtet der kanadische Sender CTV: "Das Olympiastadion als Notunterkunft. Denn alle anderen Unterkünfte sind voll mit Asylsuchenden, die illegal aus den USA nach Kanada kommen."

Flüchtlinge verlassen einen Reisebus vor Montreals Olympiastadion | Bildquelle: AP
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Flüchtlinge verlassen einen Reisebus vor Montreals Olympiastadion.

Der leicht geneigte Betonturm des Gebäudes, an dem die Trageseile für das Hallendach hängen, macht Montreals Olympiastadion zum wohl markantesten Wahrzeichen der Stadt. Auch Papst Johannes Paul II hat hier schon gesprochen. Jetzt aber kommt eine ganz neue Aufgabe hinzu: als Notunterkunft für Flüchtlinge, die sich in den USA nicht mehr sicher fühlen und deshalb über die kanadische Grenze in die französischsprachige Provinz Quebec drängen.

Jean Philippe Guillaume, haitianischer Abstammung, geboren in Kanada, ist gekommen, um die Flüchtlinge zu begrüßen - und ist glücklich. Nach den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten seien nun seine Landsleute aus Haiti sozusagen an der Reihe, sagt Guillaume dem Sender CTV.

Sechs mal so viele Asylsuchende in einem Monat wie im Vorjahr

So etwas habe man noch nie gesehen, erklärt Francine Dupuis. Sie arbeitet für eine Regierungsbehörde, die Neuankömmlinge unterstützt. Aktuelle offizielle Zahlen gibt es noch nicht, aber Dupuis schätzt, dass vergangenen Monat 1174 Asylsuchende aus den USA gekommen seien. Im Vorjahr, so berichtet sie dem Sender CBC, habe man dagegen lediglich 180 Menschen betreut.

Die Helfer erwarten vor allem Menschen aus Haiti, deren Sonderstatus in den USA nach dem Erdbeben in ihrer Heimat von 2010 inzwischen zur Diskussion steht. Guillaume dankt seinem Geburtsland für die Unterstützung: "Ich bin glücklich, dass Kanada sie anerkennt und ihnen hilft, ein besseres Leben zu führen. Ich danke dem Land dafür, was es gerade für meine Landsleute tut."

Flüchtlinge aus Haiti sitzen im Olympiastadion in Montreal | Bildquelle: REUTERS
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Auch Flüchtlinge aus Haiti werden in Kanada aufgenommen.

Angesichts des Ansturms bietet das Stadion 100 bis 450 Notbetten an - schmucklos, in einem fensterlosen, neonbeleuchteten Bereich. Das soll nur als ein erster Zwischenstopp für einige Wochen dienen, in denen Unterlagen zusammen getragen werden und eine dauerhafte Unterkunft gesucht wird.

Gute Bleibeperspektiven

Montreals Bürgermeister Denis Coderre hat für die haitianischen Flüchtlinge ein "Willkommen" getwittert - und ihnen eine gute Zusammenarbeit versichert. Noch im Februar hatte sich die Großstadt zu einer "Sanctuary City" erklärt, einer Zufluchtsstadt, in der Flüchtlinge etwa Krankenhäuser oder Schulen ohne Angst vor Verfolgung aufsuchen können. "Es geht darum, sie zu integrieren", sagt Coderre. "Wenn es keinen kriminellen Hintergrund gibt, werden wir uns die Lage ansehen, und sie werden hierbleiben können."

Seit dem Wahlerfolg von Donald Trump und seiner harten Gangart gegenüber illegalen Einwanderern meldet Kanada zunehmend illegale Grenzübertritte aus dem Süden. Polizisten der staatlichen kanadischen Polizei RCMP nehmen die Männer und Frauen mit ihren Kindern in Empfang - was ihnen nicht immer leicht fällt. "Wir sind ja nicht gefühllos", sagt ein Polizist hörbar bewegt. "Ich habe selbst zwei Kinder, so wie viele andere Kollegen."

Flucht ins Olympia-Stadion: Montreal öffnet sein Wahrzeichen als Notunterkunft
Kai Clement, ARD New York, zzt. Kanada
03.08.2017 15:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. August 2017 um 07:52 Uhr.

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