Kanadas Premier Trudeau | Bildquelle: AP

Kanada entschuldigt sich bei Ureinwohnern "Es tut uns aufrichtig leid"

Stand: 26.11.2017 22:55 Uhr

Sie wurden aus ihren Familien gerissen, gequält, missbraucht, Tausende starben: 150.000 Kinder von Ureinwohnern der Atlantikprovinzen steckte die kanadische Regierung bis 1996 in kirchliche Internate. Nun entschuldigte sich Premier Trudeau für den kulturellen Völkermord.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Da stand er, der kanadische Premierminister Justin Trudeau, in der jüngsten kanadischen Atlantikprovinz Neufundland und Labrador - in Goose Bay. Tränen liefen über sein Gesicht, als er in der Sprache der Inuit im Namen aller Kanadier eine nationale Entschuldigung für eine nationale Schande formulierte:

"Heute stehe ich demütig vor Ihnen, um eine längst fällige Entschuldigung anzubieten. Es tut uns aufrichtig leid."

150.000 Kinder der Ureinwohner dieses Landes waren seit dem 19. Jahrhundert bis zuletzt 1996 zwangsweise aus ihren Familien gerissen und in staatlich geförderte kirchliche Schulen gesteckt worden. Mit dem einen Ziel, aus Ureinwohnern westlich geprägte kanadische Bürger zu machen. Über 3000 Kinder starben, psychisch und körperlich misshandelt. Viele sexuell missbraucht, wie auch der kanadische Premier erneut einräumte: "Bestraft dafür, ihre Sprache zu sprechen, abgehalten davon, ihre Kultur zu leben. Die Kinder von ihren Familien isoliert, Gemeinden zerstört, ihrer Identität beraubt."

Trudeau entschuldigt sich bei Ureinwohnern | Bildquelle: dpa
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Trudeau entschuldigt sich bei Tony Obed, einem der Opfer von Kanadas Umgang mit den Ureinwohnern.

2008 bereits hatte sich Kanada erstmals für diese Verbrechen entschuldigt, damals aber die jüngste Provinz Labrador und Neufundland ausgelassen. Premier Trudeau holte dieses Versäumnis jetzt nach. Eines der Opfer ist Tobey Obed. Auch er wurde gequält und misshandelt in einer solchen kirchlichen Schule. Im Namen aller Opfer nahm Obed die Entschuldigung unter Tränen an: "Weil ich aus einer geduldigen und vergebenden Kultur stamme, nehme ich diese Entschuldigung an."

Überlebende erhalten Entschädigung

Neben der Entschuldigung durch die kanadische Regierung im Namen des gesamten kanadischen Volkes erhalten die 900 überlebenden Opfer der Provinz außerdem rund 33 Millionen Euro Entschädigung für das, was eine Untersuchungskommission schon vor längerem einen kulturellen Völkermord an den Ureinwohnern Kanadas genannt hatte.

Im Mai bereits hatte Trudeau bei einem Besuch des Vatikan zudem Papst Franziskus eingeladen, Kanada zu besuchen und sich dort im Namen der Katholischen Kirche ebenfalls zu entschuldigen. Die Katholische Kirche betrieb damals viele der staatlichen Schulen, in denen die Kinder der Ureinwohner missbraucht, gequält und getötet wurden.

Kultureller Völkermord - Kanada entschuldigt sich bei Ureinwohnern
Georg Schwarte, ARD New York
26.11.2017 22:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. November 2017 um 04:16 Uhr.

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