Iraker in einem Dorf nahe Mossul | Bildquelle: REUTERS

Gedankenspiele für den Fall des Sieges Visionen für Mossul nach dem IS

Stand: 26.10.2016 03:43 Uhr

Wie geht es weiter mit der Region Mossul, sobald der IS besiegt ist? Diese Frage beschäftigt viele im Nordirak. Die einen fragen sich, was aus ihrem Zuhause geworden ist, das sie auf der Flucht vor dem IS verließen. Andere haben große politische Pläne, die Konfliktstoff bergen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, zzt. im Nordirak

Irakische Soldaten haben die Straße gesperrt. Hier kommen nur noch Sicherheitskräfte weiter. Hinter dem Posten, am Horizont, steigen Rauchsäulen auf: ein umkämpftes Dorf.

Sehnsüchtig warten ein paar Männer darauf, dass die Soldaten den IS vertrieben oder getötet haben werden. Es ist ihr Dorf. Die Männer flohen vor zwei Jahren vor den Terroristen. Jetzt wollen sie sehen, was aus ihrem Zuhause geworden ist. "Die Armee sagt, wir müssen aufpassen, denn es können Kämpfer oder Scharfschützen in Tunneln oder irgendwo sonst versteckt sein", sagt einer der Männer. "Und dann kommen sie plötzlich raus." Weder wissen sie, was sie erwartet, noch wann die Armee ihr Dorf für befreit erklären wird. Und so mögen sie auch nicht so richtig etwas zur Zukunft sagen - weder zu ihrer noch zur Zukunft der Provinz.

Traum von der autonomen Region Ninive

Pläne schmieden derweil andere. Politiker. Zum Beispiel Atheel al-Nujaifi. Er ist der ehemalige Gouverneur der Provinz Ninive, deren Zentrum Mossul ist. 2014 floh Nujaifi vor dem IS aus Mossul nach Irakisch-Kurdistan. Die autonome Region hat ein Parlament, eine Regierung und eine eigene Sicherheitsstruktur. Ähnliches will Nujaifi auch für Ninive und Mossul in der Zeit nach dem IS.

Nach dem Vorbild des Gebietes will Nujaifi Ninive umformen, wenn der IS erst einmal Geschichte ist. "Mein Plan ist, die administrative Struktur der Provinz Ninive zu verändern: Aus der Provinz soll eine autonome Region werden. Es kann nicht so bleiben wie früher", sagt er. "Ninive soll Teil des Iraks bleiben und der Verfassung des Landes verpflichtet. Aber: Wir brauchen eine eigenständige Region, die in mehrere Provinzen aufgeteilt wird - für alle Minderheiten eine, wie Sinjar und Tel Afar."

Nujaifis Argument: Viele sunnitische Araber in der Provinz Ninive unterstützten den IS anfänglich, weil sie in der Organisation eine Alternative zur schiitisch dominierten Regierung in Bagdad sahen. Denn diese diskriminierte die Sunniten gezielt. Daher will Nujaifi in der Zeit nach dem IS eine politische Stärkung der Minderheiten des Iraks erreichen, also auch der Sunniten.

Irakische Panzer bei der Offensive auf Mossul | Bildquelle: AP
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Noch haben irakische Truppen und kurdische Kämpfer noch nicht einmal die Stadtgrenze von Mossul erreicht - doch die Gedankenspiele für die Zeit nach einem Sieg haben längst begonnen.

Sorge wegen möglicher Spaltung des Landes

Eine autonome Region würde die irakische Verfassung erlauben. Viele Schiiten, die die irakische Politik wesentlich bestimmen, fürchten jedoch, dass Nujaifi - selbst ein sunnitischer Araber - auf eine Spaltung des Iraks aus ist. Eine Miliz hat er bereits gegründet: Den sogenannten "Hütern von Ninive" gehören angeblich mehrere Tausend Kämpfer an. Das Pikante daran bringt Nujaifi selbst auf den Punkt: "Unsere Leute sind von der türkischen Armee trainiert worden. Und immer noch sind türkische Ausbilder in unserem Lager. Wir haben immer noch ein Lager in Basheeqa, in dem die türkische Armee auch noch immer unsere Leute trainiert."

Doch ein Gericht in Bagdad erließ kürzlich gegen Ex-Mossul-Gouverneur Nujaifi Haftbefehl. Der Vorwurf lautet: Spionage für einen ausländischen Staat. Nujaifi habe die Stationierung türkischer Truppen im Irak ermöglicht.

"Ich denke, es gibt immer ein Missverständnis: Es gibt Ausbilder und türkische Soldaten. Es gibt türkische Soldaten, die hier sind und mit den Peschmerga kämpfen oder die Peschmerga unterstützen in diesem Gebiet", sagt Nujaifi. "Mit den Trainern hat keiner ein Problem. Sie sind mit Genehmigung des irakischen Regierungschefs gekommen. Und sie bilden weiter aus und niemand spricht darüber großartig. Im Gerede sind immer die türkischen Soldaten. Für uns sind diese Soldaten ein Problem, das zwischen Bagdad und Ankara gelöst werden kann. Wir wollen nicht Teil des Problems sein."

Streit über türkische Präsenz im Irak

Die Anwesenheit türkischer Einheiten auf irakischem Territorium führte zu Verwerfungen zwischen Ankara und Bagdad. Der Vorwurf einiger irakischer Politiker: Die Türkei wolle sicherstellen, nach der Befreiung von Mossul Einfluss im Nord-Irak zu haben, hege darüber hinaus aber grundsätzlich sunnitische Großmacht-Gelüste.

Die irakische Regierung selbst wird von schiitischen Arabern beherrscht, die recht enge Beziehungen zum ebenfalls schiitischen Iran unterhalten. Und der ist wahrscheinlich der stärkste regionale Konkurrent der Türkei. Es ist sicher, dass Ankara mit den irakischen Kurden genauso verbandelt ist wie mit Atheel al-Nujaifi. Er wurde zwar vor einem Jahr vom irakischen Parlament als Gouverneur entlassen, wegen Fehlverhaltens beim Vormarsch des IS im Jahr 2014. Aber er ist immer noch ein Mann mit Einfluss, der mit dem Aufbau seiner Miliz noch gewachsen ist.

Die "Hüter von Ninive"

Diesen "Hütern von Ninive" hat er für die Zeit nach dem IS bereits eine Aufgabe zugedacht. "Wir hoffen, dass diese Kraft in der Zukunft so etwas wie die Nationalgarde sein wird, die zu der Provinz oder der Region gehört. Aber sie soll die Lücke füllen zwischen der irakischen Armee und der lokalen Polizei", sagt Nujaifi.

Und die Männer, die an dem Militärposten sehnsüchtig darauf warten, dass die irakischen Soldaten den IS aus ihrem Dorf vertrieben oder getötet haben werden? Was halten sie von Nujaifis Plänen zur Teilung der Provinz Ninive? "Teilung? Das würde Chaos bringen", sagt einer von ihnen. "Warum soll das Gebiet geteilt werden? Wir leben hier seit Urzeiten als Muslime und Christen zusammen. Und das ist auch kein Problem. Ich bin Schiit. In unserem Dorf leben aber auch Sunniten. Es gibt auch Christen und Jesiden. Hier, in der Ninive-Ebene mit Mossul im Zentrum, haben wir kein Problem. Wenn es eines gibt, ist es von außen hinein gebracht worden. Es soll so bleiben: Hier ist der Irak im Kleinen wieder zu erkennen." Jeder, der das ändern wolle, sei ein Verräter.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Oktober 2016 um 06:16 Uhr.

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