Seitenueberschrift
Gewalt zwischen Mursis Anhängern und Gegnern
Mehrere Tote bei Machtkampf in Kairo
Der Machtkampf zwischen Anhängern und Gegnern des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi ist in der Nacht weiter eskaliert. Beide Seiten liefern sich in der Hauptstadt Kairo heftige Straßenschlachten. Wie die amtliche Nachrichtenagentur Mena meldete, wurden dabei mindestens fünf Menschen getötet. Das Gesundheitsministerium sprach von 450 Verletzten. Auch die Armee ist im Einsatz. Mehrere Panzer und Militärfahrzeuge fuhren vor dem Präsidentenpalast in Stellung.
Mursi will sich ans Volk wenden
Unterdessen will sich der Präsident nun doch mit einer Ansprache an das Volk wenden. Die staatlichen Medien kündigten an, der Staatschef werde innerhalb der nächsten Stunden eine Rede halten.
Die Auseinandersetzung zwischen beiden Lagern war am Mittwoch rund um den Präsidentenpalast eskaliert, als Mursi-Gegner zu den vor dem Präsidentenpalast ausharrenden Anhängern einer weiteren Islamisierung des Landes zogen und anfingen, deren Zelte niederzureißen. Die beiden Lager gingen daraufhin mit Steinen und Stöcken aufeinander los und warfen Brandsätze. Autos gingen in Flammen auf, in einigen Straßen brannte es.
Straßenkämpfe vor Präsidentenpalast
ARD-Morgenmagazin, 06.12.2012, Alexander Stenzel, ARD Kairo
Gewaltsame Proteste auch in anderen Städten
Auch aus anderen Städten wurden gewaltsame Protesten gemeldet. In Ismailia und Suez hätten Mursi-Gegner die Büros der dem Präsidenten nahestehenden Muslimbruderschaft in Brand gesteckt. In der südlichen Stadt Luxor gingen Tausende von Anhängern der Islamisten auf die Straße und forderten die Einführung der Scharia.
Mehrere radikale Islamisten drohten den Oppositionellen mit einem "heiligen Krieg" (arabisch "Dschihad"), falls diese ihre Sabotagepolitik gegen Präsident Mursi fortsetzen sollten. Der Generalsekretär der Partei für Unversehrtheit und Entwicklung, Mohammed Abu Samra, sagte in einem Interview des Nachrichtensenders Al Arabija, wenn die Mursi-Gegner sich "gegen die Legitimität stellen, dann werden wir äußerste Gewalt anwenden".
Appell der Regierung
Ministerpräsident Hischam Kandil rief die Anhänger beider Seiten zu Zurückhaltung auf, damit die jüngsten Bemühungen für einen nationalen Dialog eine Chance bekommen könnten. So hatte Vize-Präsident Mahmud Mekki der Opposition einen Kompromiss im Verfassungsstreit vorgeschlagen. Demnach soll vor dem geplanten Referendum eine Übereinkunft über Änderungen erzielt und diese Punkte schriftlich festgehalten werden.
Alle Beteiligten sollten dieses Dokument bis zur Parlamentswahl im kommenden Jahr respektieren. Die Abgeordneten könnten danach formell über die Änderungsvorschläge abstimmen. Das Referendum über die Verfassung solle aber wie geplant am 15. Dezember stattfinden.
Was planen die Muslimbrüder?
Die Mursi-Gegner befürchten, dass der Präsident und die Muslimbrüder aus dem Land einen islamischen Gottesstaat machen. Am Dienstag hatten Zehntausende Menschen gegen Mursi, seine Macht-Dekrete und den neuen Verfassungsentwurf demonstriert. Auch dabei kam es zu Auseinandersetzungen. Mehrere Menschen wurden verletzt.
Panzer vor dem Präsidentenpalast in Kairo
P. Steffe, ARD Kairo
06.12.2012 10:00 Uhr
Rücktritt von vier Mursi-Beratern
Vier wichtige Berater des Präsidenten traten unterdessen zurück. Wie die amtliche Nachrichtenagentur Mena berichtete, handelte es sich um die Mitglieder seines Beraterstabs Amr al Leithi, Seif Abdel Fatah, Aiman al Sajed und Esmat Seif Eddawla. Angaben zu den Gründen für ihren Rückzug machte die staatliche Agentur nicht.
Der Politologe Fatah hatte seinen Rücktritt am Abend in einem tränenreichen Interview mit dem TV-Sender Al Dschasira live verkündet. Er erklärte, die komplette Elite des Landes sei eigennützig und habe nicht die Interessen der Bevölkerung im Blick.
Clinton: Dialog muss auf Wechselseitigkeit beruhen
US-Außenministerin Hillary Clinton mahnte die ägyptische Regierung und die Opposition zum Dialog. Die jüngsten Unruhen zeigten die Notwendigkeit hierfür auf, sagte sie auf einem NATO-Treffen. Allerdings müsse ein Dialog auf Wechselseitigkeit beruhen und nicht darauf, dass die Regierung ihre Standpunkte durchsetze.
Stand: 06.12.2012 10:13 Uhr
