Seitenueberschrift
Gerichtsurteil in Tel Aviv
Kafka-Nachlass geht an Israels Nationalbibliothek
Ein Gericht in Tel Aviv hat Tausende Manuskripte aus dem Nachlass Franz Kafkas der israelischen Nationalbibliothek zugesprochen. Noch befinden sich die Dokumente in Privatbesitz. Über das Erbe gibt es einen Jahrzehnte währenden Streit, den wohl auch das neue Urteil nicht beenden wird.
Sebastian Engelbrecht, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv
Die Entscheidung des Tel Aviver Familiengerichts ist eindeutig. Tausende Manuskripte von Franz Kafka und Max Brod gehören künftig in die Israelische Nationalobibliothek. Sie sind nicht das Eigentum von Eva Hoffe, der Tochter von Brods früherer Privatsekretärin Esther Hoffe.
Kafka hatte seinen Nachlaß dem Prager Freund Brod vermacht – mit der Bitte, alles zu verbrennen. Brod floh 1939 vor den Nazis nach Palästina. Er nahm Kafkas Briefe und Manuskripte mit, gab vieles heraus und rettete das literarische Werk.
Vor seinem Tod vererbte er seiner Sekretärin, Esther Hoffe, die Manuskripte Kafkas und seine eigenen, auch sein Tagebuch. Esther Hoffe lebt nicht mehr, aber ihre Tochter Eva. Sie beruft sich auf einen Brief, in dem Brod den Nachlass ihrer Mutter schenkt.
Die Tel Aviver Richterin Talia Pardo Kupelman befand nun aber, es habe nie eine vollständige Schenkung gegeben. Nach dem Urteil des Gerichts hat Brod diese Schenkung später revidiert und seinen Freund Felix Weltsch als Testamentsvollstrecker eingesetzt. Brods letzter Wille sei demnach gewesen, den Nachlass einer öffentlichen Bibliothek zu übergeben.
Gericht spricht Kafkas Nachlass israelischer Nationalbibliothek zu
S. Engelbrecht, ARD Tel Aviv
15.10.2012 18:25 Uhr
Großer Erfolg für Israels Nationalbibliothek
Für die israelische Nationalbibliothek ist die Entscheidung ein großer Erfolg. Der akademische Leiter der Bibliothek, Haggai Ben Schammai, sagte im israelischen Rundfunk, das Urteil entspreche dem Willen Franz Kafkas.
Kafka, so Schammai, hätte seiner Überzeugung nach gewollt, dass die Manuskripte an die Nationalbibliothek gehen. "Franz Kafka hatte die Absicht, ins Land Israel einzuwandern. Wir haben in der Nationalbibliothek ein Heft, in dem er mit deutscher Übersetzung Worte auf Hebräisch aufgeschrieben hat." Kafka habe damals bei in Prag bei einer jungen Frau aus Israel Privatstunden genommen - als Vorbereitung für seine Einwanderung, so Schammai.
Die israelische Literaturwissenschaftlerin Nurit Pagi jubiliert. Sie schreibt eine Dissertation über Brod und hofft nun auf neue Erkenntnisse, wenn die Manuskripte Brods und Kafkas öffentlich zugänglich sein werden. 40 Jahre lang seien die Briefe, Skizzen für Werke, Tagebücher und Zeichnungen der Forschung verschlossen geblieben.
Die Entscheidung des Gerichts gehe aber über das Archiv von Brod hinaus. Sie hoffe, dass sie "den Anfang der Aufnahme einer ganzen Kultur" markiere, so Pagi. Einer Kultur, die zur Geschichte des jüdischen Volkes gehöre, "so dass der Staat Israel sie schließlich mit beiden Armen aufnehmen und vielleicht sogar umsetzen kann".
Urteil nicht das letzte Wort
Aber das allerletzte Wort ist auch in diesem Prozess um den Nachlass Brods und Kafkas noch nicht gesprochen. Eva Hoffe, die Tochter von Brods Sekretärin, hält sich nach wie vor für die rechtmäßige Eigentümerin der Manuskripte.
Sie will in Berufung gehen. Sie will auch nicht akzeptieren, mehr als 20.000 Euro Gerichts- und Anwaltskosten der Gegenseite zu tragen, wie das Gericht verfügte. Hoffe hat in der Vergangenheit indirekt mehrere Manuskripte aus dem Nachlass von Brod an das deutsche Literaturarchiv in Marbach verkauft. Diese Geldquelle fällt für die Zukunft allerdings wahrscheinlich aus.
Stand: 15.10.2012 19:39 Uhr
