Im österreichischen Nickelsdorf schützen sich Flüchtlinge mit Decken vor der Kälte | Bildquelle: AP

Flüchtlinge auf der Balkanroute "Mit dem Boot wäre es leichter gewesen"

Stand: 14.10.2015 03:14 Uhr

Allein in dieser Woche sind im österreichischen Nickelsdorf mehr als 10.000 Flüchtlinge angekommen. In ungeheizten Zelten müssen sie oft mehrere Tage auf die Weiterreise warten. Und das bei stetig sinkenden Temperaturen.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Hörfunkstudio Wien

Es ist mittlerweile ein alltäglicher Ablauf: Im österreichischen Grenzort Nickelsdorf werden Männer, Frauen und Kinder mit Bussen oder Zügen zur deutschen Grenze gefahren. Dann werden sie in kleine Gruppen aufgeteilt und warten auf den Weitertransport. Das funktioniert seit Wochen schon so, das ist die Routine der Balkanroute.

"Eine kalte Hölle"

Nur das Wetter spielt nicht mehr mit. In Nickelsdorf sind es fünf Grad, es weht ein eisiger Wind. Die Menschen stehen im Freien. Sie sind in Decken gehüllt, sehen aus wie Schiffsbrüchige. "Jeder, der Deutschland erreicht hat, hat gesagt, das ist dort wie im Himmel", sagt eine 23 Jahre alte Syrerin. "Und jetzt sind wir hier angekommen und es ist die Hölle, eine kalte Hölle."

Die junge Frau ist mit ihrem Mann schon seit vier Wochen unterwegs, sie hat die gesamte Balkanroute hinter sich. Das Warten in der Kälte war ihr ständiger Begleiter. An der mazedonisch-serbischen Grenze musste sie acht Stunden im Regen stehen, um auf "irgendein Papier warten", wie sie sagt. "Ich brauche nur ein warmes Zuhause, ein Bett und ein Glas Tee. Wie ein normaler Mensch."

Flüchtlinge in Nickelsdorf warten auf den Weitertransport nach Deutschland | Bildquelle: REUTERS
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Bitte schnell weg aus Nickelsdorf - Flüchtlinge warten auf Busse, die sie nach Deutschland bringen sollen.

Flüchtlinge möglichst schnell weiter transportieren

Für den reibungslosen Ablauf in Nickelsdorf sind Polizei und Bundesheer zuständig. Für die Verpflegung der Menschen das Rote Kreuz. Ein Paar Kilometer weiter ist das Backstage-Zelt eines Musikfestivals zur Sammelstelle umfunktioniert worden. Das Zelt ist beheizt. Etwa hundert Menschen können sich hier gleichzeitig aufhalten. "Wir versuchen einfach, alles was geht dort hineinzubringen und alle anderen abzutransportieren", sagt Alexander Heller, der Einsatzleiter des Roten Kreuzes im Ort. Es sei alles eine Frage von Ressourcen.

Solange nicht mehr beheizte Unterkünfte zur Verfügung stehen, bleibt den Helfern nur eine Strategie: "Unser oberstes Ziel ist es momentan, schnellstmöglich die Leute weiter zu transferieren". Und das ist keine leichte Aufgabe, denn alleine in dieser Woche sind in Nickelsdorf weit über 10.000 Menschen aus Ungarn angekommen.

Wer es sich leisten kann, nimmt ein Taxi

Wer sich es leisten kann, fährt mit dem Taxi nach Wien, von dort dann weiter mit dem Zug nach Deutschland. Die meisten aber, sind auf die kostenlosen Busse angewiesen, die von der Polizei zur Verfügung gestellt werden. Die Wartezeit hängt vom Andrang ab. Manchmal ist es nur eine Stunde, manchmal zwei.

Für die erschöpften Menschen ist das so kurz vor dem Ziel kaum mehr auszuhalten. "Alle Leute haben gesagt, fahre nicht mit dem Boot über das Mittelmeer, das ist zu hart", sagt ein junger Flüchtling. "Jetzt habe ich den Landweg gewählt und ich muss sagen, mit dem Boot wäre es leichter gewesen."

Kälte auf der Balkanroute
S. Govedarica, ARD Wien
14.10.2015 02:08 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 14. Oktober 2015 um 06:12 Uhr im Deutschlandfunk.

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