Pop in Afghanistan Es geht um mehr als um Rockmusik in Kabul

Stand: 01.01.2014 16:39 Uhr

"Kabul Dreams" nennen sich die Jungs. Sie rühmen sich, vor drei Jahren Afghanistans erste Indie-Rockband gegründet zu haben. Sie sind zu dritt und wären eigentlich ganz normal, wenn sie ihre Leidenschaft für Nirvana oder Oasis an irgendeinem anderen Ort der Welt entdeckt hätten.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Afghanische Spezialkräfte durch ein zerstörtes Gebäude hindurch gesehen (Bildquelle: dapd)
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Afghanistan ist nicht der einfachste Ort, um seiner Leidenschaft für Rockmusik nach zu gehen.

Es geht um Frieden und Liebe, wie bei vielen Rockbands dieser Welt. "In den meisten unserer Songs geht es um alte und neue Beziehungen", sagt der Sänger und Gitarrist von "Kabul Dreams", Sulyman Qardash: "Es geht um das normale Leben, um Sachen, die uns im Alltag passieren. Wir lassen nicht zu, dass die Gewalt unser Leben stoppt. Wir versuchen, den Menschen hier durch unsere Musik positive Energie einzuflößen."

Qardash erinnert sich an den Anfang der Band: Nach dem Sturz der Taliban kreuzten sich die Wege von drei Jungs aus drei verschiedenen afghanischen Volksgruppen in Kabul. Einer spielte Bass, der andere Schlagzeug und der dritte Gitarre. Was die drei vereinte, waren ihre Erfahrungen als Flüchtlinge, ihre Rückkehr in ein kaputtes Land und ihre Liebe zur Rockmusik - zu Bands wie Nirvana und Oasis.

Warum die afghanische Rockband "Kabul Dreams" über die Liebe singt
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
25.12.2012 00:06 Uhr

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"Die Leute haben uns nicht akzeptiert"

"Am Anfang war es schrecklich", erzählt Qardash: "Die Leute haben uns nicht akzeptiert. Manchmal hatten wir auch Angst und wollten aufhören zu spielen, aber heute können wir sagen, dass sich Afghanistan verändert hat." Qardash zufolge gibt es eine Musikszene mit anderen "coolen Bands". Jugendliche sprächen sie an und wollten Gitarre spielen lernen. "Das gibt uns viel Hoffnung."

Um in Kabul aufzutreten, braucht es vor allem eins: ein sicheres Umfeld. Wie den Garten der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung oder die Aula der amerikanischen Universität - alles gut geschützt und abgeschirmt. Was aber auch bedeutet, dass die Band mit ihren Konzerten nur die junge, westlich orientierte Elite erreicht. Mal sind es ein paar dutzend Rockfans, bestenfalls ein paar hundert.

Einmal gab es einen Spontanauftritt auf der Straße

Einmal hat "Kabul Dreams" einen spontanen Auftritt auf der Straße gewagt, ganz ohne Sicherheit und ohne irgendjemandem etwas zu sagen. "Wir haben gut 45 Minuten gespielt und nichts ist passiert", berichtet Qardash. Seitdem weiß die Band: So etwas ist möglich in Afghanistan. Man habe gesehen, dass die Leute kein grundsätzliches Problem mit Musik haben. "Vielleicht macht ihnen unsere Musik ein bisschen Angst", überlegt der Sänger und Gitarrist, "aber das heißt nicht, dass sie unsere Musik nicht mögen."

Das spontane Straßenkonzert in einem der besseren Stadtteile von Kabul gibt es als Video im Internet. Die Indie-Rocker von "Kabul Dreams" sind im Netz sehr aktiv. Sie twittern, sind bei Facebook, Myspace, Youtube und versuchen, über die Internet-Plattform Sellaband bei Musikfans genug Geld für die Produktion eines neuen Albums zu sammeln.

"Jetzt geht es um mehr als Träume"

Als sie angefangen haben, hatten die Jungs den Traum, Rockmusik in Kabul zu spielen. "Jetzt geht es um mehr als Träume", betont Qardash. Ziel der Band ist seinen Worten zufolge weiter richtig gute Musik zu machen und international herauszukommen wie andere Band eben auch. "Wir wollen das andere Gesicht Afghanistans zeigen - jenseits der Klischees", erklärt er: "Wir haben ein ganz normales Leben."

Trotz aller Pläne werden aber viele Träume von "Kabul Dreams" auf absehbare Zeit Träume bleiben. Einer davon ist der Traum, auch im umkämpften südafghanischen Kandahar ein Straßenkonzert zu geben. "Nach unserem Straßenkonzert in Kabul ohne Sicherheitsvorkehrungen hatten wir die Idee, dass alles möglich ist", berichtet Qardash und führt aus: "Aber wir sind nicht in Eile, alles braucht seine Zeit nach über drei Jahrzehnten Krieg."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Januar 2014 um 17:00 Uhr.

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