Nach einem Anschlag in Kabul kümmern sich die Menschen auf der Straße um Verletzte. | Bildquelle: AFP

Lage in Afghanistan Deutschlands unglaublicher Zynismus

Stand: 01.06.2017 00:54 Uhr

In Afghanistan werden Dutzende Menschen in den Tod gebombt - mal wieder. Nun setzt die Bundesregierung die Abschiebungen dorthin aus. Aber nicht zum Wohl der Afghanen, sondern zur Entlastung der Botschaftsmitarbeiter. Dieser Zynismus ist kaum mehr zu überbieten.

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Zwei Meldungen an einem Tag: Erstens, heute sollte ein Abschiebeflieger Richtung Kabul starten. Zweitens: Die deutsche Botschaft in Kabul hat einen Mitarbeiter durch einen ausgesprochen heftigen Bombenanschlag verloren. Wir müssen beide Themen zwingend miteinander verknüpfen und das hat offenbar sogar die Bundesregierung getan - und den Abschiebeflug erst einmal ausgesetzt, mit der Begründung, die Botschaftsmitarbeiter in Kabul könnten sich jetzt nicht auch noch um diese Abschiebung kümmern.

Schon bisher war der Zynismus der deutschen Behörden, Menschen einfach in Kabul abzuladen und sich selbst zu überlassen, fast grenzenlos. Nicht erst seit heute ist klar: In Afghanistan herrscht Krieg, auch wenn wir das gerne verdrängen. Es gibt ja genug andere Konfliktherde in der Welt, Afghanistan ist da ein bisschen in Vergessenheit geraten. Es gibt außerdem keine sicheren Orte in Afghanistan, wie das Bundesinnenministerium es so gerne hätte.

Die zerstörte Botschaft in Kabul | Bildquelle: AP
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Die zerstörte Botschaft in Kabul: Sicher ist man in Afghanistan nirgendwo.

Keine Perspektive - kriegsbedingt

Hier ein paar Fakten: Weite Teile des Staatsgebiets sind umkämpft oder in der Hand der Taliban. Die afghanische Armee ist zumeist in der Defensive. Schlägt sie in einer Provinz die Extremisten zurück, kommen diese woanders wieder. Allein 2016 mussten mehr als 600.000 Menschen ihre Häuser verlassen, in 31 von 34 Provinzen gab es Kämpfe. Die Zahl der Kriegsflüchtlinge in Afghanistan beträgt jetzt mehr als zwei Millionen. Ihre Lage zu beschreiben, dafür würde dieser Kommentar nicht ausreichen.

Auch Rückkehrer stehen vor dem Nichts. Eine wirtschaftliche Perspektive gibt es derzeit nicht in Afghanistan, und das ist vor allem kriegsbedingt - das als kurzer Hinweis für alle, die so gerne von afghanischen Wirtschaftsflüchtlingen sprechen. Und nein, auch die Städte sind nicht sicher. In Kabul haben wir das heute mal wieder eindrucksvoll vor Augen geführt bekommen. Es war der fünfte große Anschlag in der Stadt seit Jahresbeginn, ganz abgesehen von vielen kleineren Zwischenfällen.

Stundenlanges Massaker

Im angeblich sicheren Masar-i-Sharif in Nordafghanistan wurde erst vergangenen November das deutsche Generalkonsulat durch einen Angriff zerstört, und Ende April töteten Taliban in der afghanischen Partnerkaserne der Bundeswehr 140 junge Soldaten, es war ein stundenlanges Massaker. Die Provinz Kundus, Schwerpunkt deutscher Entwicklungshilfe, ist so gefährlich, dass dort niemand mehr ernsthaft überprüfen kann, ob dort mit unseren Steuergeldern Schulen gebaut oder das Justizwesen voran gebracht werden.

Warum also schiebt Deutschland überhaupt nach Afghanistan ab? Weil Afghanistan von uns abhängig ist. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Deutschland und die EU weitere Finanzhilfen für Afghanistan mit der Rücknahme von Abgeschobenen verknüpft haben. Der Staat würde ohne diese Hilfsgelder kollabieren. Genau deshalb ist zu befürchten, dass einige Bundesländer und die Bundesregierung dieses zynische Spiel mit dem Schicksal junger Afghanen schon bald weiter spielen werden. Um unsere angeblich so hohen moralischen Werte geht es dabei schon lange nicht mehr.

Kommentar: Terror in Afghanistan und der deutsche Zynismus
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
31.05.2017 14:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. Mai 2017 um 13:05 Uhr

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