May und Juncker beim Treffen in London | Bildquelle: AFP

Junckers Kabinettschef Indiskretionen nach Brexit-Dinner?

Stand: 02.05.2017 21:51 Uhr

Der CDU-Politiker Selmayr ist ein mächtiger Mann in Brüssel - und in dieser Funktion soll er nun pikante Details über das Brexit-Dinner lanciert haben: Kommissionspräsident Juncker soll danach nicht besonders nett über May geredet haben.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Auf Medienpräsenz, Talk-Shows und Interviews legt der Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel herzlich wenig wert. Brüssels mächtigster Beamter ist auch ohne Selbstvermarktung bei den Journalisten in aller Munde. Denn CDU-Mitglied Martin Selmayr ist nicht nur der Kabinettschef und die rechte Hand des EU-Kommissionspräsidenten. Er hat vielmehr Jean-Claude Juncker letztlich mit zum Kommissionspräsidenten gemacht: zunächst als dessen Wahlkampfstratege - und dann als Merkel-Einflüsterer.

"Ohne Selmayers Einfluss hätte die Kanzlerin Juncker als Kommissionspräsidenten nicht zugestimmt", sagt Jean Quatremer, langjähriger Brüssel-Korrespondent der französischen Tageszeitung Libération. "Dann wäre Juncker nicht da, wo er jetzt ist."

Selmayr und Juncker in Brüssel | Bildquelle: AP
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Selmayr, der Juncker-Vertraute - hier beide in Brüssel.

Ob während der Griechenlandkrise oder auf der Hochphase der Flüchtlingskrise: Selmayer agierte als mächtiger Strippenzieher hinter den Kommissionskulissen. Eine seiner beliebten Redewendungen war: "Das setzen wir durch".

"Der heimliche Herrscher der EU"

Denn an Führungsstärke mangelt es ihm nicht. Bei den EU-Kommissaren ist er wegen seiner Breitband-Kompetenz und Einmischungslust gefürchtet. Seit 2004 agiert der Juraprofessor und Euro-Experte in der EU-Kommission. Er war unter anderem Bürochef der ehemaligen Kommissions-Vizepräsidentin Viviane Reding - und ist seit drei Jahren Junckers Vordenker.

Doch jetzt hat der heimliche Herrscher der EU - wie der "Spiegel" Selmayr gern tituliert - den Bogen etwas überspannt. Als er nämlich - so die einhellige Einschätzung in Brüssel und London - der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sein Insiderwissen preisgab: über Junckers desaströses Brexit-Dinner mit Großbritanniens PremierministerinTeresa May in der vergangenen Woche.

Sie lebe in einer "Galaxie der Ahnungslosigkeit und Illusionen". May mache sich keine Vorstellung von der Komplexität der Verhandlungen - und riskiere dadurch deren Scheitern, so Selmayers Botschaft in der Sonntagsausgabe der "FAZ". "Da gibt es offenbar eine direkte Linie zwischen Junckers Kabinettschef und einem speziellen Journalisten in Frankfurt", bemerkte bei der gestrigen Kommissions-Pressekonferenz ein Brüssel-Korrespondent.

Gezielte Indiskretionen?

In der europäischen Hauptstadt wird Selmayers Ansprechpartner bei der "FAZ" von Journalistenkollegen bereits ironisch als der "wirkungsvollste Sprecher der EU-Kommission" bezeichnet. In London und Brüssel zweifelt kaum jemand daran, dass die gezielten Indiskretionen über das sogenannte Brexit-Desaster-Dinner von Selmayr selbst stammen.

Dass Junckers Kabinettschef durch gezielte Weitergabe von Insiderkenntnissen Politik zu machen versucht, ist in der Tat nicht neu. Doch diesmal riskiert Selmayr, dass die ohnehin angespannte Atmosphäre vor dem Beginn der Brexit-Verhandlungen nachhaltig vergiftet wird. Vor einer selbsterfüllenden Prophezeiung warnt die britische "Financial Times", nachdem Junckers Umfeld öffentlich warnt, die Gefahr eines Scheiterns der Brexit-Verhandlungen liege bei über 50 Prozent.

"Sehen sie es wirklich als Selmayrs Aufgabe an, so zu handeln?" - Auf diese Frage des Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Kirchner blieb Junckers Pressesprecher eine Antwort schuldig. Er werde zu dieser Frage nicht speziell Stellung beziehen. "Mit keinem einzigen Wort", betonte er. Und mit keinem einzigen Wort bestritt er, dass Selmayr die Quelle der Indiskretionen sein könnte.

Martin Selmayr: Junckers mächtiges Brexit-U-Boot
R. Sina, ARD Brüssel
02.05.2017 20:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. Mai 2017 um 16:51 Uhr und NDR Info berichtete am 03. Mai um 09:38 Uhr.

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