Hyper Cacher in Paris: Das jüdische Leben in Paris erholt sich nur langsam | Bildquelle: AFP

Jüdisches Leben in Paris "Es wird nie wieder sein wie vor dem 9. Januar"

Stand: 09.01.2016 05:34 Uhr

Die Geiselnahme im koscheren Supermarkt ist nicht vergessen : Das jüdische Leben in Paris erholt sich nach den Anschlägen des vergangenen Jahres nur langsam. In Restaurants bleiben Gäste aus, Läden bauen Notausgänge - und einige denken wieder über Auswanderung nach.

Von Kerstin Gallmeyer, ARD-Studio Paris

Im "Pilpel", dem Restaurant von Gad Krief, wird gebrutzelt. Die Spezialität des Hauses sind Fleisch und Fisch vom Holzkohlegrill, serviert mit orientalischen Salaten - alles koscher. Gad Kriefs Kundschaft ist so wie das Viertel, in dem sein Restaurant liegt: bunt gemischt: "Unsere Kunden sind ganz verschieden. Es kommen Geschäftsleute, Handwerker, die in der Gegend arbeiten, Familien mit Kindern. Nicht nur Juden, sondern Menschen aller Konfessionen und Religionen."

Geschätzt leben mehr als 120 Nationalitäten hier im 19. Pariser Arrondissement. Besonders stark vertreten ist die jüdische Gemeinschaft - sie zählt zu den größten in Europa. Auch Gad Krief ist hier geboren und aufgewachsen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Grill-Restaurant befinden sich viele weitere Lokale mit koscherem Essen. Und auch ein Supermarkt, der zur Kette "Hyper Cacher" gehört - wie der, in dem sich vor einem Jahr die blutige Geiselnahme abgespielt hatte.

Rabbi Michel Gugenheim in der Pariser Großen Synagoge. | Bildquelle: AFP
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Rabbi Michel Gugenheim spricht Mitte November nach den Anschlägen in der französischen Haupstadt in der Großen Synagoge.

Nach dem 13. November wurde es noch schlimmer

Seitdem hat sich das Leben hier deutlich verändert, bedauert Krief: "Nach den Anschlägen sind viele Kunden nicht mehr gekommen. Sie hatten Angst, in koschere Läden zu gehen. Normalerweise kamen sonntags die Frauen und Kinder zum Essen ins Restaurant. Jetzt kommen sie nicht mehr. Sie bestellen von zu Hause, halten nur kurz mit dem Auto, holen das Essen ab und fahren wieder."

Noch einmal stärker sei der Einbruch nach den Anschlägen vom 13. November gewesen. Da hatte Gad Krief schon längst eine Videoüberwachungsanlage und einen Notausgang eingebaut und sein Personal für den Fall der Fälle schulen lassen. Die Geschäftsinhaber in der Nachbarschaft würden außerdem sich untereinander absprechen, erzählt der 33-jährige Gastronom: "Wir haben uns angewöhnt, abends ein bisschen früher zu schließen - alle zur gleichen Zeit. Und wir halten Kontakt. Wenn es ein Problem in einem der Läden gibt, können die anderen helfen."

Synagoge wird von acht Soldaten bewacht

Eine Straße weiter ist das Herz des jüdischen Lebens im Pariser Nordosten. Ein paar Familienväter mit großen schwarzen Hüten und Backenbärten erledigen Einkäufe mit ihren Kindern. Ein jüdischer Geschenkeladen, eine Buchhandlung und ein koscherer Metzger liegen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Mädchenschule und Synagoge.

Seit vergangenem Januar bewachen acht Soldaten den Gebäudekomplex. Das Gefühl der Verunsicherung ist groß, bestätigt Chaim Nisenbaum, der Rabbi der orthodoxen Gemeinde. Viele Juden, die ohnehin vorhatten, nach Israel auszuwandern, hätten nach den Anschlägen ihre Pläne beschleunigt: "Es gibt Juden, die sich fragen: Werde ich in diesem Land morgen noch einen Platz haben? Sollte ich mich nicht um die Zukunft meine Kinder sorgen? Ich sage den Leuten immer: Nein, wir müssen hierbleiben. Wir sind Franzosen. Es steht außer Frage, dass wir Frankreich verlassen."

Man vergisst ein wenig

Auch Restaurantbesitzer Krief versucht, sein Leben so gut es geht normal weiterzuleben, auswärts zu essen und ins Kino zu gehen. Auch in sein Lokal kommen seit ein paar Wochen wieder mehr Kunden. Man vergesse ein wenig und hoffe, dass es nicht noch einmal geschieht, sagt Krief. Trotzdem: Es werde nie wieder so sein wie vorher: "Wir wissen nicht, was morgen passiert. Deshalb versuchen wir - so gut es geht - den Moment zu leben."

Jüdisches Leben in Paris nach den Anschlägen
K. Gallmeyer, ARD Paris
09.01.2016 04:58 Uhr

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