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Antisemitismus in Frankreich
Wenn der Kindergarten einer Festung gleicht
Seitdem ein Attentäter im März drei jüdische Kinder und einen Rabbi erschoss, denken viele Juden in Frankreich über eine Auswanderung nach. Israels Premier Netanjahu besucht heute gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Hollande den Schauplatz des Attentats in Toulouse.
Von Daniela Kahls, MDR-Hörfunkstudio Paris, zzt. Toulouse
Der Tag in dem jüdischen Kindergarten Gan Rachi in Toulouse beginnt mit Musik. Kleine Jungen mit Kippa und kleine Mädchen sitzen um ihre Kindergärtnerin herum und singen unbeschwert ein typisch französisches Kinderlied.
Um in ihren Kindergarten zu gelangen, mussten die Kinder und ihre Eltern mehrere Sicherheitsschranken passieren. Ein Polizeiwagen steht vor dem Stahltor der Einrichtung am Rande der Stadt, zusätzlich kontrolliert ein privater Sicherheitsdienst jeden Besucher.
Frankreichs Juden in Alarmstimmung
D. Kahls, MDR Paris
01.11.2012 02:28 Uhr
Islamist tötete im März vier Juden
Das sind die sichtbaren Folgen von dem grausamen Attentat im März, bei dem ein junger Islamist drei jüdische Kinder des Kindergartens und ihren Vater erschossen hatte. Seitdem leben die Juden in Toulouse in Angst, erzählt diese Mutter. "Wenn die Kinder in der Stadt herumspazieren wollen, dann habe ich Angst." Das sei doch gefährlich, sage sie dann. "Außerdem lassen wir die Kinder nicht mehr alleine mit dem Zug fahren. Wir haben alle Familie in Paris, doch jetzt lassen wir die Jugendlichen nicht mehr alleine dorthin."
Dabei ist Antisemitismus für die Juden in Frankreich nichts Neues. Auf der Straße beschimpft zu werden, angespuckt zu werden - die Eltern vor dem Kindergarten Gan Rachi haben so etwas alle schon erlebt. Doch die Gewalt ist mittlerweile tödlich geworden, und der Ton verschärft sich.
"Wir fühlen uns fast nicht mehr zu Hause"
Jüngst gab es bei Twitter in Frankreich Tausende Einträge, die sich dem Satz anschlossen: Nur ein toter Jude ist ein guter Jude. Dieser Mutter merkt man ihre Fassungslosigkeit über all das deutlich an: "Wir fühlen uns hier fast nicht mehr zu Hause", sagte sie. "Wir denken an Israel, und vielleicht werden wir eines Tages auswandern. Und man muss es auch mal sagen: Nach dem Attentat sind viele Familien nach Israel gegangen."
Der Rabbi und Direktor des Kindergartens Gan Rachi hatte deshalb auch gefürchtet, dass viele Eltern ihre Kinder zum neuen Schuljahr vom jüdischen Kindergarten und von der Schule abmelden würden. Yossef Matusov hatte im Sommer deshalb extra eine Kampagne gestartet. Man dürfe dem Attentäter, der jüdisches Leben in Frankreich zerstören wollte, nicht recht geben, indem man sich aus Angst versteckt - das war der Tenor.
"Frankreich ist nicht antisemitisch"
Viele Eltern scheinen das auch so zu sehen. Es gab sogar mehr Anmeldungen für Schule und Kindergarten als im Vorjahr. Rabbi Matusov will den Antisemitismus in Frankreich nicht größer reden als er ohnehin schon ist. "Frankreich ist nicht antisemitisch", sagt er. "Es sind einige junge und weniger junge Muslime, radikale Salafisten, die zudem noch schlecht sozialisiert sind. Vor allem die sind antisemitisch, aber man kann nicht sagen, dass wir in einem antisemitischen Land leben."
Tatsächlich hat der neue Antisemitismus in Frankreich eine islamistische Handschrift. Die jüngst ausgehobene islamistische Terrorzelle, die jüdische Einrichtungen zum Ziel hatte, bestand aus jungen Franzosen, die sich radikalisiert hatten.
Klage über fehlende Antworten
Auf diesen Antisemitismus im eigenen Land habe man noch keine wirklichen Antworten gefunden, klagt Marc Sztulmann vom Dachverband der jüdischen Vereine in Toulouse. "Dieser salafistische Antisemitismus ist relativ neu", sagt er. "Und das Problem ist, dass die Politiker und die Gesellschaft die Gefahr, die davon ausgeht, noch nicht richtig verstanden haben. Es ist doch so, dass heutzutage in Frankreich Menschen umgebracht werden, nur weil sie Juden sind."
Von den Kindern im Kindergarten Gan Rachi wollen die Eltern und der Rabbi das am liebsten fernhalten. Aber auch die Kleinsten haben natürlich gemerkt, dass plötzlich Kinder aus ihrer Mitte nicht mehr da waren - und sie merken auch, dass ihr Kindergarten einer Festung gleicht.
Stand: 01.11.2012 01:21 Uhr
