Interview

Ellen Johnson Sirleaf | Bildquelle: REUTERS

Nobelpreisträgerin Johnson Sirleaf "Migration als Möglichkeit sehen"

Stand: 20.06.2018 09:32 Uhr

Die Friedensnobelpreisträgerin Johnson Sirleaf plädiert dafür, in der Debatte über Flüchtlingspolitik nicht nur die negativen Seiten zu sehen. Migration sei eine "treibende Kraft für Entwicklung".

tagesschau.de: Das Wort Migrant wird im Deutschen mittlerweile von einigen als Schimpfwort missbraucht. Wie kann das sein?

Ellen Johnson Sirleaf: Viele Berichte in den Medien fokussieren sich nur auf die negativen Seiten der Migration. Aber das ist falsch. Die Erfahrung mit Migration in Afrika zeigt: Das Zu- und Abwandern von Menschen ermöglicht den Transfer von Informationen, von Wissen und Technologie. Partnerschaften, Handel, der Austausch von Fähigkeiten, all das führt zu ökonomischer Entwicklung. In Afrika ist die Migration eine treibende Kraft für Entwicklung.

tagesschau.de: Im Einwanderungsland Amerika war das auch lange so. Die Politik ist aber mittlerweile eine andere als früher. Warum werden positive Effekte nicht oder nicht mehr wahrgenommen?

alt Ellen Johnson Sirleaf | Bildquelle: AFP

Ellen Johnson Sirleaf

Ellen Johnson Sirleaf war die erste demokratisch gewählte Präsidentin Afrikas: Von 2006 bis Januar 2018 regierte sie Liberia. 2011 wurde sie für ihren Einsatz für die Rechte der Frauen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Johnson Sirleaf sitzt derzeit dem "UN High-Level Panel on Migration in Africa" vor.

Dieses Panel, bestehend unter anderem aus Repräsentanten des privaten und sozialen Sektors aus verschiedenen Ländern, erarbeitet derzeit den "Global Compact for Migration", ein neues internationales Regelwerk zur weltweiten Migration. Dieser Pakt soll die Grundlage für eine umfassende globale Zusammenarbeit bilden und Ende 2018 vorliegen.

"Zu viel Panik"

Johnson Sirleaf: Wenn es um Migration geht, dann ist da zu viel Panik. Bei den Vereinten Nationen wird gerade über den "Global Compact for migration" verhandelt. Wir brauchen ein gemeinsames, globales Verständnis davon, wie wir geeignete Systeme und Strukturen schaffen können, damit die Menschen sich über Ländergrenzen bewegen können. Denn das ist positiv. Dann versuchen Menschen es auch nicht auf illegalen Wegen, was dann alle Aufmerksamkeit bekommt.

tagesschau.de: Was stimmt nicht am Bild, dass die Menschen von Migranten aus Afrika haben?

Johnson Sirleaf: Die meisten Menschen gehen freiwillig in ein anderes Land, weil sie auch die Mittel dazu haben. Dann investieren sie und das hilft diesem Land. Wir haben mehr Migration innerhalb Afrikas als nach Europa. Es ist nur ein kleiner Teil der Menschen, die ihre Möglichkeiten außerhalb des Kontinents suchen, verglichen mit der Migration in Afrika selbst. Aber wir sind sehr besorgt, wenn diese Menschen den illegalen Weg wählen.

Die jemenitische Journalistin Tawakkul Karman, die liberianische Bürgerrechtlerin Leymah Gbowee und Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf (v.l.n.re.)
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2011 erhielt Johnson Sirleaf den Friedensnobelpreis. In Oslo nahm sie die Auszeichnung gemeinsam mit der jemenitischen Journalistin Tawakkul Karman (l.) und der liberianischen Bürgerrechtlerin Leymah Gbowee (m.) entgegen

Aufruf zur Zusammenarbeit

tagesschau.de: In der vergangenen Woche hat Italien das Flüchtlingsboot "Aquarius" mit mehr als 600 Flüchtlingen an Bord abgewiesen. War das für Sie eine verständliche Aktion?

Johnson Sirleaf: Ich war sehr traurig, denn das war ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte, denen alle Staaten im Rahmen der Vereinten Nationen zugestimmt haben. Es muss ganz klar gesagt werden, dass diese Menschen durch das internationale Recht geschützt sind. Sie haben Anspruch auf die Menschenrechte und einen würdevollen Umgang.

tagesschau.de: Die EU streitet derzeit heftig um den richtigen Umgang mit Flüchtlingen. Wie gefährlich kann das aus Ihrer Sicht für die Europäische Gemeinschaft werden?

Johnson Sirleaf: Es ist wichtig, dass alle, die jetzt schon an einer Lösung arbeiten, die politischen Führer Afrikas und Europas, sich zusammenzusetzen und die Lösung des Problems nicht denen überlassen, die das Ganze lautstark angehen. Fehler werden überall gemacht.

tagesschau.de: Was erwarten die afrikanischen Länder von der EU?

Johnson Sirleaf: Die Europäer müssen sich gemeinsam mit den Afrikanern auf die grundsätzlichen Bedürfnisse konzentrieren. Was sind die Gesetze? Wie können wir kontrollieren, dass sie in allen Ländern angewandt werden? In vielen Ländern werden die bestehenden Gesetze zur Migration ignoriert.

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Flüchtlingszahlen 2017

Armut bekämpfen

tagesschau.de: Was muss in Afrika getan werden?

Johnson Sirleaf: In Afrika gibt es diese Probleme auch. Auch wir müssen uns über unsere Gesetze und Bestimmungen klarwerden. Die Grundursache für Migration, die Armut, muss auf andere Weise angesprochen werden. Die Länder selbst müssen mehr tun. Ich wage zu sagen, die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika hat sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Unsere Entwicklungs- und Wirtschaftsstrategien, die Nutzung unserer natürlichen Ressourcen, das müssen wir alles langfristig betrachten. Kurzfristig müssen wir die Gesetze und Strategien verstehen, angemessene Systeme und Strukturen schaffen. Und wir müssen die Würde und die Rechte aller Menschen respektieren, die davon betroffen sein könnten.

tagesschau.de: Wie würden Sie sich wünschen, dass Migration wahrgenommen wird?

Johnson Sirleaf: Seit es Menschen auf der Erde gibt, bewegen sie sich über die Grenzen und niemand kann das aufhalten. Wir müssen dafür sorgen, dass es reguliert und systematisiert abläuft und dass es passend kommuniziert wird, dass die wahre Geschichte der positiven Effekte erzählt wird. Die UN-Kommission zur Migration in Afrika, deren Mitglied ich bin, möchte, dass über Migration als Kraft für Entwicklung geredet wird, in den Herkunfts- und den Zielländern.

Das Interview wurde geführt und bearbeitet von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi.

Weltflüchtlingstag: Flüchtlinge aus Nigeria begeben sich auf eine gefährliche Reise nach Europa
mittagsmagazin, 20.06.2018, Sabine Bohland, WDR Nairobi

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Über dieses Thema berichteten am 20. Juni 2018 Inforadio um 07:31 Uhr, 08:23 Uhr, 08:45 Uhr und 08:48 Uhr, MDR aktuell um 09:17 Uhr und 11:17 Uhr sowie die tagesschau um 12:00 Uhr.

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