Seitenueberschrift
Neuer Papyrus-Fund befeuert Debatte
War Jesus verheiratet?
Ein neu entdecktes Stück eines Dokuments aus dem 4. Jahrhundert enthält nach Ansicht einer Wissenschaftlerin Hinweise darauf, dass Jesus eine Ehefrau gehabt haben könnte. Die US-Religionshistorikerin Karen King entdeckte die koptischen Schriftzeichen auf einem Papyrusfragment. Es handele sich um die erste schriftlich dokumentierte historische Aussage, dass Jesus verheiratet gewesen sein könnte.
Von Sabine Müller, HR-Hörfunkstudio Washington
Die Religionshistorikerin Karen King erinnert sich noch genau an ihre erste Reaktion, als sie im Dezember 2011 das kleine Papyrus-Stückchen sah. Sie war völlig ungläubig und ging erst einmal davon aus, dass es sich um eine Fälschung handeln müsse, erzählt King im Interview mit ihrer Universität Harvard. Aber Papyrus-Experten, die das etwa visitenkartengroße Stück untersuchten, erklärten es für echt und vermutlich aus dem 4. Jahrhundert stammend. Eine Analyse der Tinte, die weitere Hinweise auf Alter und Authentizität geben soll, steht noch aus.
Acht Zeilen in schwarzer Tinte auf der Vorderseite, sechs auf der Rückseite, in koptischen Schriftzeichen - der spannendste Satz ist folgender: "Jesus sagt zu ihnen: Meine Ehefrau". Danach reißt das Papyrus-Dokument ab. Die Aufregung über die Entdeckung ist verständlicherweise groß, denn eine solche Aussage in historischen Dokumenten ist bisher einmalig. Religionshistorikerin King betont, das Satzfragment sei kein Beweis dafür, dass Jesus verheiratet war, aber es beweise, dass manche frühen Christen annahmen, er sei es gewesen, vermutlich mit Maria Magdalena.
War Jesus verheiratet? Neuer Papyrus-Fund befeuert Debatte
S. Müller, ARD Washington
19.09.2012 20:09 Uhr
Fund rüttelt an kirchlichen Dogmen
Und dann gibt es noch einen weiteren Satz, der die gängige Lehre der katholischen Kirche provoziert - Zitat: "Sie wird meine Jüngerin sein können". Hatte Jesus also nicht nur männliche Jünger? Die katholische Kirche ist davon überzeugt, dass es nur Männer waren, ebenso wie von der Ehelosigkeit Christi - daraus leitet sie das Zölibat und die Priesterweihe nur für Männer ab.
Herkunft des Dokuments im Dunkeln
So sorgsam hinterforscht die Meldung über das spektakuläre Payprus-Stück daherkommt, es gibt auch viel Skepsis, unter anderem, weil die Herkunft des Papierschnipsels unklar ist. Der Besitzer will anonym bleiben, sagt nur, dass er das Papyrus-Stückchen zusammen mit anderen 1997 von einem Mann aus Deutschland kaufte. Dabei habe eine handschriftliche Notiz auf Deutsch gelegen, in der ein inzwischen verstorbener Ägyptologe aus Berlin zitiert wird, der das Fragment als einziges Beispiel für einen Text über eine Ehefrau Christi beschreibt.
Die Debatte darüber, ob Jesus verheiratet war, beschäftigt das Christentum schon seit den Anfängen immer wieder. Der Schriftsteller Dan Brown hatte sie vor knapp zehn Jahren neu entfacht: in seinem Welterfolg "Sakrileg" schrieb er von einer Ehefrau und Nachkommen Christi. Professor Karen King will damit aber nichts zu tun haben - zu Journalisten sagte sie streng: "Schreiben Sie jetzt bloß nicht, dass Dan Brown Recht hatte."
Stand: 19.09.2012 17:55 Uhr
