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10.02.2010

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Ausland
Dschenin: Wenn der Mufti ins Kino geht
Kulturzentrum in Dschenin

"Mit Kultur kann man kämpfen"

Mit einem Kulturzentrum wollen sie die "Methode des Widerstands" verändern: In Dschenin im Westjordanland arbeiten Palästinenser und Deutsche zusammen, um ein "Kino für den Frieden" zu schaffen. Angefangen hatte alles mit dem Tod eines Jungen und der großherzigen Geste seines Vaters.

Von Sebastian Engelbrecht, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Dschenin ist idyllisch gelegen: Ein Städtchen am Berghang. Zweistöckige Häuser mit Kalksteinfassaden säumen die Straßen. Ein Stück palästinensischer Provinz ist von der früheren Frontstadt geblieben. Wenn es dunkel wird, werden die Bürgersteige hochgeklappt.

Im Zentrum der Stadt steht eine Ruine, ein bunkerartiger Betonquader. Das Kino der Stadt vergammelte seit 1987, seit dem Beginn des ersten Palästinenseraufstandes. Dann entdeckte eine Gruppe von palästinensischen und deutschen Filmleuten das Kino. Zu ihnen gehört heute Felix Gebauer, 25, Medienwissenschaftler aus Leipzig.

Betonschachtel soll zu Kulturzentrum werden

Checkpoint bei Dschenin (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Grenzalltag in Dschenin: Ein israelischer Soldat an einem Checkpoint, der erst kürzlich wieder geöffnet wurde. ]
"Das war offen, und die Stühle waren alle noch da, aber eben zerbrochen und von einer meterdicken Schicht aus Staub und Taubenscheiße bedeckt und nicht nutzbar", erzählt Gebauer. Er führt in Kapuzenhemd und Pullover über die Baustelle. Aus der Betonschachtel mit 500 Sitzplätzen soll ein internationales Kulturzentrum werden. "Hier sind einfach so ein paar Scharten in der Wand, durch die man früher die Filme projiziert hat. Und hier werden dann wahrscheinlich auch unsere Projektoren aufgestellt, wenn das Kino mal fertig ist", sagt er. Dann sollen wieder Bilder an die Wand geworfen werden.

Bauarbeiter verlängern die Bühne, zimmern die Empore, mauern die Toiletten. Im April soll das Kino fertig sein, im August soll im "Cinema Dschenin" das erste Filmfestival stattfinden - eine Woche lang.

Bei Fachri Hamad, einem 39-jährigen Familienvater, laufen die Fäden zusammen. Hamad gehörte früher selbst zum militanten Widerstand gegen die israelische Besatzung und war zwei Jahre in israelischer Haft. "Es ist ein Kulturzentrum geworden, es ist ein Kino für den Frieden. Wir werden die Filme und das Kino dazu nutzen, allen Menschen in Dschenin beizubringen, wie sie mit der Situation unter der Besatzung umgehen sollen - wie sie die Methode des Widerstands gegen die Besatzung verändern sollen", sagt Hamad.

"Das Herz von Dschenin"

Dokumentarfilm "Das Herz von Dschenin" [Bildunterschrift: Szene des Films "Das Herz von Dschenin" (Screenshot aus einem Tagesthemen-Bericht) ]
Für die "Methode" steht ein groß gewachsener Mann mit melancholischen Augen, der sich gerade auf der Baustelle umsieht. Er heißt Ismail Chatib. Ohne Ismail Chatib würde das Kino immer noch verrotten. Als vor vier Jahren Chatibs elfjähriger Sohn von israelischen Soldaten erschossen wurde, beschlossen Vater Ismail und die Familie, die Organe des hirntoten Sohnes israelischen Kindern zu spenden.

Die Meldung ging um die Welt. Der deutsche Regisseur Marcus Vetter drehte einen Film über Ismail Chatib und seine grundlose Liebe zu Israel. Der Titel: "Das Herz von Dschenin". Ismail Chatib erklärt vier Jahre später, was er tat: "Ich sage immer: Wir sind nicht Feinde der Juden. Wir sind Feinde der Besatzung. Ich hatte israelische Freunde vor dem Tod Achmeds, und ich habe immer noch israelische Freunde."

Bei den Dreharbeiten mit Ismail Chatib entdeckte Marcus Vetter das verlassene Kino in Dschenin. So entstand die Idee, der Stadt Dschenin ihr Kino zurückzugeben. Vetter und sein palästinensischer Kollege Fachri Hamad fanden Sponsoren: Allein das Auswärtige Amt gibt 170.000 Euro für den Wiederaufbau.

Widerstand durch Humanität

Dokumentarfilm "Das Herz von Dschenin" [Bildunterschrift: Vater Ismail Chatib brachte mit seinem Verhalten den Stein ins Rollen. (Screenshot aus einem Tagesthemen-Bericht) ]
"Ich glaube, dass Ismail eine neue Methode des Widerstands durch Humanität geschaffen hat", sagt Hamad. "Und ich denke, durch das Kino in Dschenin unterstützen wir auch diese historische, mutige Entscheidung, und wir werden diesen Weg lehren: Mit Kultur kann man kämpfen. Mit Musik kannst Du kämpfen. Mit einem Film kannst Du kämpfen."

Gelegentlich herrscht in Dschenin noch eine kriegerische Atmosphäre - zum Beispiel, wenn israelische Kampfflugzeuge über den Köpfen der Menschen ihre Übungen machen. Aber Fachri Hamad, der Kino-Manager, lässt sich davon nicht beirren: "Es ist Zeit, über Frieden nachzudenken. Es muss von unten kommen, von den Völkern selbst - um die Brücken des Vertrauens und der Liebe zwischen den zwei Völkern zu bauen. Und so werden wir die Regierungen zwingen, die Abkommen zu unterzeichnen, die wir als Bürger wollen."

Kulturaustausch mit deutschen Studenten

Längst planen Fachri Hamad und seine Freunde viel mehr als nur ein Kino und ein Filmfestival. Sie haben direkt neben dem "Cinema Dschenin" eine verkommene arabische Villa zu einem Gästehaus umgebaut. Acht junge Leute wohnen ständig dort, vor allem deutsche Studentinnen und Studenten, die eigene Filme produzieren. Natürlich helfen sie auch auf der Baustelle - und sie helfen, die vielen Ideen umzusetzen. Eine Videothek soll entstehen, eine Bühne auch für Konzerte und Theater, ein Café. Schon jetzt finden Arabischkurse und Filmseminare statt.

"Dadurch, dass wir uns ganz gut benommen haben und wir uns ziemlich gut integriert haben, herrscht eine angenehme Stimmung - und es kommen auch öfter Leute vorbei", erzählt Student Gebauer. "Es kommen vor allem viele Kinder vorbei, die total aufgeregt sind und einfach wissen wollen, wie es weiter geht, wann’s endlich los geht, wann wir endlich hier aufmachen."

Ganz Dschenin stehe hinter der Idee, sagt Gebauer. Sogar die Islamisten. Der Bürgermeister von der Hamas begrüßt das Kulturprojekt. Und nicht nur der Bürgermeister. "Der Mufti kommt regelmäßig zu uns, um bei uns Filme anzugucken", sagt Gebauer. Und wenn der islamische Rechtsgelehrte zu Gast sei, werde natürlich auch kein Alkohol getrunken.

Stand: 23.11.2009 01:10 Uhr
 

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