Bilder ehemaliger Zwangsprostituierter, ausgestellt in dem Museum. (Bildquelle: AP)

Zwangsprostituierte in Japan im Zweiten Weltkrieg Das Schicksal der "Trostfrauen"

Stand: 26.04.2014 11:34 Uhr

Japans Regierung nennt sie "Trostfrauen", doch sie waren Zwangsprostituierte und mussten im Zweiten Weltkrieg den japanischen Soldaten zu Diensten sein. In Südkorea erinnert ein Museum an ihr Leid. In Japan wird ihre Existenz teilweise bis heute geleugnet.

Von Jürgen Hanefeld, ARD-Hörfunkstudio Tokio

Die alten Frauen gruselt es, wenn sie die hölzerne Treppe hören. Zu viele Erinnerungen werden wach, gelebte Alpträume. Dabei ist diese Treppe nur nachgebaut. Sie führt in ein Museum, das 100 Kilometer von der Hauptstadt Seoul entfernt liegt, an einem idyllischen Flusslauf. Das Haus ist ausschließlich den so genannten Trostfrauen gewidmet: Mädchen und Frauen, die im Zweiten Weltkrieg von Soldaten der Kaiserlichen Armee Japans entführt, verschleppt und systematisch missbraucht wurden. Kim Jung Sook leitet das Museum. "Das waren Mädchen von Lande. Sie wurden entweder mit Arbeit in der Stadt gelockt, oder einfach gekidnapped - von Militär und Polizei."

Trostfrauen - Zwangsprostituierte aus Korea fordern Entschädigung
J. Hanefeld, ARD Tokio
26.04.2014 10:02 Uhr

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Die Treppe führt hinab zu einem Verschlag, eng, niedrig und primitiv. Sie ist der Unterkunft nachempfunden, in der die Mädchen ihre Freier zu erwarten hatten: manchmal 30 am Tag, manchmal noch blutig von der Schlacht.

Bis zu 200.000 Frauen aus ganz Asien haben dieses Schicksal erlitten, die meisten stammten aus Korea. Man hätte vielleicht nie von ihnen erfahren, wenn nicht eine von ihnen ihre Scham überwunden hätte. 46 Jahre nach Ende des Krieges, im Jahre 1991, wagte sich Kim Hak Soon an die Öffentlichkeit. Ihr Schicksal ist, wie die vieler anderer Frauen, im Museum dokumentiert.

Viele gingen in den Bordellen zugrunde

Heute ist Kim Bok Tong 89 Jahre alt. Mit zwölf Jahren wurde sie von japanischen Soldaten verschleppt.
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Heute ist Kim Bok Tong 89 Jahre alt. Mit zwölf Jahren wurde sie von japanischen Soldaten verschleppt.

"Viele Frauen starben während des Krieges - an Krankheiten, Auszehrung, schlechter Behandlung", erzählt Museumsleiterin Kim Jung Sook. Etliche hätten sich umgebracht. "Überleben konnte man nur mit der Hoffnung, irgendwann seine Familie wiederzusehen. Aber die war gering. Wir wissen von einem Transport von 56 Frauen, die von Korea nach Java verschleppt wurden. Die Hälfte starb schon auf der Reise. Viele gingen in den Bordellen der Armee zugrunde." 17 Frauen sei die Flucht gelungen, aber nur zwei hätten es zurück in die Heimat geschafft. "Bei Kriegsende haben die Japaner auch noch viele Frauen ermordet, damit es keine Zeugen gibt", berichtet die Museumsleiterin.

Das Museum zeigt nicht nur Fotos der geschundenen Frauen und spielt ihre Stimmen ein. Es bewahrt auch Passierscheine, Gutscheine für Sexualverkehr, Gesundheitszeugnisse und sogar Kondome der Kaiserlichen Soldaten auf, die bis zu zehnmal benutzt wurden. Die Frauen mussten sie ausspülen.

Dokumentiert sind in Korea 237 Opfer, die sich nach dem Bekenntnis von Kim Hak Soon gemeldet haben. Davon leben heute noch 51, zehn davon in einem Alten- und Pflegeheim gleich neben dem Museum.

"Halmoni", Großmütter, nennt man sie hier. Der Ausdruck ist freundlich gemeint, aber falsch. Nur die wenigsten hatten die Chance, einen Mann zu finden, geschweige denn Kinder zu bekommen. Zu tief war die Verletzung, zu groß die Schande für die Familie und das Dorf, wenn herauskam, was ihnen widerfahren war.

Kim Gun-ja ist heute 89 Jahre alt. Auch sie wurde im Zweiten Weltkrieg von japanischen Soldaten zum Sex gezwungen. (Bildquelle: AP)
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Die heute 89-jährige Kim Gun-ja wurde im Zweiten Weltkrieg von japanischen Soldaten zum Sex gezwungen. Jetzt lebt sie in dem Altenheim neben dem Museum, das an ihr Leid erinnert.

Jeden Mittwoch um 12 Uhr - seit 20 Jahren

Nur wenige schaffen es heute noch, bei den wöchentlichen Protestkundgebungen vor der japanischen Botschaft in Seoul dabei zu sein. Kim Bok Tong, eine feingliedrige 89-jährige Frau erzählt, wie sie mit zwölf Jahren aus ihrem Dorf verschleppt wurde und mit dem Tross Soldaten durch ganz Südostasien zog. Acht Jahre lang habe sie mit den Soldaten herumziehen müssen. "Wir mussten tun, was sie sagten, sonst wurden wir geschlagen. Irgendwann stumpft man ab und macht alles, was sie wollen. Ich war überall in Asien - in Hongkong und Malaysia, Singapur, Sumatra und Jawa, immer im Tross der Soldaten. Ich weiß ja, dass nicht die jetzige Regierung in Japan daran schuld ist, aber sie müsste doch wenigstens anerkennen, was damals passiert ist."

Japans Botschaft lässt die Jalousien runter

Seit mehr als 20 Jahren versammelt sich jeden Mittwoch um 12 Uhr eine Gruppe von Aktivistinnen vor der japanischen Botschaft in Seoul. Zur tausendsten Demonstration vor zwei Jahren stellten sie eine Bronze-Skulptur auf den Bürgersteig. Sie zeigt ein junges Mädchen, stellvertretend für alle Opfer. Sobald die Kundgebung beginnt, lässt die japanische Botschaft ihre Jalousien runter. Es stört sie, dass die Regierung Südkoreas die Demonstrationen nicht nur duldet, sondern die Bewegung der so genannten Trostfrauen sogar noch fördert und finanziell kräftig unterstützt.

Forderung nach Entschädigung

Doch das ändert nichts an den historischen Tatsachen. Deswegen wird weiterhin jeden Mittwoch demonstriert, es werden Lieder gesungen und Gedichte vortragen. Die Aktivistinnen schwören, die Anklage gegen die ehemalige Kolonialmacht aufrecht zu erhalten - auch über den Tod der missbrauchten Frauen hinaus. "Wir fordern, dass die Ereignisse von damals durch die Regierung Japans anerkannt werden", sagt Yoon Mee Hhyang, die Vorsitzende der Unterstützergruppe. "Wir wollen, dass die Frauen ihre Würde zurückerhalten, auch indem man ihnen eine Entschädigung zahlt. Und wir wollen, dass die Ereignisse in die Geschichtsbücher aufgenommen werden, auch der japanischen, damit sich so etwas nicht wiederholen kann. 

Korrespondent

Jürgen Hanefeld (Bildquelle: NDR/Christian Spielmann) Logo NDR

Jürgen Hanefeld, NDR

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