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Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima
Das Leben am Rande der Sperrzone
Kawauchi liegt rund 30 Kilometer südwestlich des havarierten AKW Fukushima. Nach der Katastrophe im März 2011 wurde der Ort evakuiert. Der Bürgermeister kehrte ein Jahr später in seine Heimat zurück. Einige Bewohner sind ihm inzwischen gefolgt.
Peter Kujath, ARD-Hörfunkstudio Tokio
"Ob sich meine Entscheidung später als richtig herausstellen wird, weiß ich nicht. Vielleicht können meine Enkel oder Urenkel das beurteilen, aber ich kann jetzt nur mein Bestes geben. Ich will niemanden zwingen, nach Kawauchi zurückzukommen", sagt Yuko Endo. Er ist der Bürgermeister von Kawauchi, einem Ort oder besser Landkreis 20 bis 30 Kilometer südwestlich des havarierten AKW Fukushima 1.
"Aber ich glaube, jeder braucht einen speziellen Ort, seine Heimat. Ich bin hier in Kawauchi geboren und aufgewachsen. Ich finde es deshalb wichtig, alles zu tun, damit die Menschen zurückkommen können", sagt Endo. Damals am 16. März 2011 ordnete er die Evakuierung der rund 3500 Bewohner an. Denn die radioaktive Belastung in Kawauchi war auf bis zu 10 Mikro-Sievert pro Stunde angestiegen.
Fukushima und die Normalität: Dörfliches Leben in der Sperrzone
P. Kujath, ARD Tokio
07.10.2012 09:28 Uhr
Einige Hundert Einwohner folgen
"Am 31. Januar hatte ich angekündigt, dass ich gemeinsam mit einem Teil der Verwaltung hierher zurückkommen werde", sagt Endo. Und am 1. April, als die Zentralregierung die Sperrzone lockerte, setzte Endo sein Vorhaben in die Tat um. Gefolgt sind dem Bürgermeister bisher einige Hundert Einwohner.
"Wir sind im April zurückgekommen. Wir wollten unseren Laden wieder aufmachen. Dafür mussten wir natürlich alles in Ordnung bringen. Am 24. Juli konnten wir wieder öffnen", Tamae Aoyama. Sie ist 62 Jahre alt und gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Kawauchi zurückgekehrt. Seit Jahrzehnten betreibt sie hier einen Ramen- einen Nudelladen.
"Natürlich wussten wir nicht, ob die Kunden auch zurückkommen werden. Zum Glück haben wir jetzt mehr Besucher als früher. Denn die Menschen, die hier bei den Aufbauarbeiten oder der Dekontaminierung helfen, kommen zu uns zum Essen", sagt Aoyama.
Zahlreiche Bereiche dekontaminiert
An den verschiedenen Messstellen im Landkreis Kawauchi ist abzulesen, wie hoch die Belastung in der Luft ist. Mit Werten zwischen 0,2 und 0,5 Mikrosievert pro Stunde ist sie geringer als im 50 Kilometer entfernten Koriyama, wo viele der ehemaligen Bewohner jetzt leben. Das gilt zumindest für die Bereiche, die bereits dekontaminiert wurden.
"Um den Sorgen der Menschen entgegen zu wirken, legen wir sehr großen Wert auf die Dekontaminierung. 100 Prozent der öffentlichen Anlagen wurden bereits gereinigt", sagt Bürgermeister Endo. 60 Prozent der privaten Häuser und der dazugehörenden Felder seien ebenfalls dekontaminiert worden. "Bis zum Ende des Jahres werden wir 100 Prozent erreichen"
Ein Geigerzähler für jeden Heimkehrer
In den umliegenden Wäldern sieht es anders aus. Darüber ist sich Endo im Klaren. Deshalb erhält jeder der Heimkehrer einen Geigerzähler, um selbst messen zu können. Strom, Gas, Wasser und auch die Müllabfuhr funktionieren. Ein Ärzte-Zentrum hat ebenfalls wieder geöffnet. Dort wird auch psychologische Betreuung angeboten.
"Für die Menschen ist die Frage des Arbeitsplatzes natürlich entscheidend. Nur wer eine Arbeit hat, wird auch zurückkommen. Wir haben es geschafft, drei Firmen zur Gründung eines kleinen Betriebs hier zu bewegen. Das ist schon entschieden und die Bauarbeiten laufen gerade an. Solche Dinge machen mir Mut", sagt Endo.
Dreiviertel der Investitionen der Firmen übernimmt der Staat, der auch die Kosten für die Dekontaminierung trägt. Noch ist Kawauchi ein geteilter Ort. In einige der Häuser in der Nähe des Gemeindezentrums wie dem Ramen-Laden ist das Leben zurückgekehrt, andere stehen verwaist in der Landschaft. Die umliegenden Felder sind zugewachsen.
Stand: 07.10.2012 09:00 Uhr
