Britische Flaggen wehen vor dem Big Ben. | Bildquelle: dpa

Großbritannien 2016 Tiefe Spaltung - unsichere Zukunft

Stand: 27.12.2016 12:24 Uhr

Das Brexit-Votum traf viele hart. Doch besonders in den armen Regionen Großbritanniens bereut kaum jemand die Entscheidung. Das Land ist gespalten, und auch nach sechs Monaten hat Premier May offenbar kein Konzept für die Zukunft.

Von Hanni Hüsch, ARD-Studio London

Wenn Namen doch hielten, was sie versprechen: Hopestreet - Straße der Hoffnung. Doch hier sieht nichts nach Hoffnung aus. Ein paar wenige Geschäfte, zwei Friseursalons, ansonsten Fensterfronten - verriegelt, vernagelt. Stoke on Trent in den Midlands hat bessere Tage gesehen, als die Porzellanindustrie noch blühte. Die billige Konkurrenz aus China hat hier vieles kaputt gemacht.

Hier stimmten sie zu über 70 Prozent für den Brexit, für den Austritt aus der EU. Auch sechs Monate nach dem Referendum bereut niemand die Entscheidung - im Gegenteil. Es soll endlich losgehen. "Brexit heißt Brexit", predigt die neue Premierministerin doch immer und immer wieder. Die Erwartungen sind gewaltig. Es muss sich so viel ändern in den siechen Industriestätten. Zu viele, die sich vergessen fühlen und abgehängt vom globalen Wettbewerb.

Bob der Fensterputzer | Bildquelle: ARD-Studio London
galerie

Fensterputzer Bob bereut es nicht, für den Brexit gestimmt zu haben.

Endlich zählte die Stimme

Auch Bob, der Fensterputzer, stimmte für den Brexit. Über 70 Jahre alt ist er, und noch immer muss er jeden Tag auf die Leiter. Die Rente ist zu klein, und die Hopestreet soll zumindest ein bisschen Glanz an der äußeren Fassade behalten. Früher war vieles besser, bevor die EU-Ausländer seine Insel überrannten, wie Bob sagt. Und niemand in London kümmere sich. Er ist ein Wutbürger. Endlich habe seine Stimme gezählt, an jenem 23. Juni, sagt er. Und dass er für seine Kinder ein besseres Leben wolle. Mit weniger Ausländern.

Vielleicht hätte Premierminister David Cameron häufiger in Orte wie Stoke on Trent reisen sollen, um zu spüren, was sich zusammenbraute in seinem sozial so gespaltenen Land. Er hätte fühlen können, dass sich auch viel Frust über die politische Elite in der Hauptstadt angesammelt hatte. Viele zielten auf Brüssel und meinten doch London. Auch bei Bob ist das so.

Hier in den verwahrlosten Vorort-Ghettos zieht Camerons lauwarme Pro-EU-Kampagne nicht. Die düsteren Warnungen vor einer ungewissen Zukunft schon gar nicht. Düsterer als die Gegenwart könne es eh nicht werden, sagt Bob, der Fensterputzer.

Brexit - die Briten wollen raus
Jahresrückblick 2016, 19.12.2016, Hanni Hüsch, ARD London

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Werte blieben auf der Strecke

In das Gefühlsvakuum stößt Nigel Farage, ein gnadenloser Populist, Stimme und Gesicht der rechtsnationalen UKIP. Hier verdient er sich das Label "Mr. Brexit". Seine Parolen sind so einfach wie verführerisch - Großbritannien solle wieder groß sein, die Kontrolle über die Grenzen zurückgewinnen und Brüssel den Hahn zudrehen.

Führende Tory-Politiker versorgen den Populisten Farage mit zusätzlicher Autorität beim Wähler. Nicht jedem geht es nur um die Sache. Der quietschfidele Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson etwa wittert seine Chance, über ein Brexit-Bekenntnis Politkarriere zu machen. Er fällt seinem Polit-Freund und Premierminister Cameron in den Rücken.

Wahlkampf in Cornwall | Bildquelle: ARD-Studio London
galerie

Der Brexit-Wahlkampf vor dem Referendum wurde hart geführt.

Menschlicher Anstand, Wahrheit, Weltoffenheit - in diesem Frühsommer bleibt viel auf der Strecke im gnadenlos geführten Brexit-Wahlkampf. Am Ende überrascht das Ergebnis fast Alle, vor allem die, die so vehement für den Ausstieg gefochten hatten.

Keine Antworten für die Zeit danach, keine Vorstellung wie umfassend und schwierig das Scheidungsverfahren wird und kein Personal, um im Ausstiegs-Poker mit Brüssel und den 27 anderen EU-Staaten den Kopf über Wasser zu halten.

Eine Premierministerin ohne Plan?

Der Morgen des 24. Juni trifft viele knallhart. Den Kontinent, der das Mögliche für unmöglich hielt. Den Premier, der kurz später hinwirft. Die Tory-Granden, die kurz aber heftig um Macht und Einfluss streiten. UKIP-Chef Farage, der lieber wieder privat sein will. Und jetzt nach Amerika schielt.

"Brexit means Brexit" - das Credo der neuen Premierministerin May. Drei Worte, so unklar wie der Herbstnebel über Westminister. Harter Brexit, weicher Brexit, rein oder raus aus dem Binnenmarkt? Und die Zukunft der City? In jedem Fall will May den EU-Zuzug von Arbeitnehmern begrenzen. Das hat sie den Wählern versprochen. Aber hat sie wirklich einen Plan? Cherry-Picking - Rosinenpicken - läuft nicht. Die anderen Europäer signalisieren Härte. Im März 2017 will May Klarheit liefern, dann soll der offizielle Scheidungspoker beginnen. Eine Herkulesaufgabe.

Ein gespaltenes Land

Was bleibt? Ein gespaltenes Land. Zwischen den Alten, die Empire und Insellage zurück wollen und den Jungen, die in Europa Zukunft sehen. Zwischen Glamour-London und den vergessenen Landstrichen in Englands Norden. Zwischen Briten und Europäern.

Die "Ausländer raus"-Parolen der Rechtspopulisten bescheren der Insel eine Welle an Hassverbrechen. Ausländerfeindlichkeit wird salonfähig. Intoleranz ist Tagesgeschäft.

Kollege Rob Bromby beim Brexit Dreh | Bildquelle: ARD-Studio London
galerie

Der britische Journalist Rob will seine "europäische Identität" nicht aufgeben.

Die Insel, die so groß tönt, fühlt sich jetzt kleiner an. Nicht nur für die drei Millionen EU-Ausländer, die hier leben. Auch für Rob, meinen britischen Kollegen. Der glühende Europäer und Deutschlandfreund erkennt sein Land nicht wieder. "Ich habe zutiefst das Gefühl, Großbritannien steht auf der falschen Seite der Geschichte. 70 Jahre Frieden und Versöhnung einfach in Frage gestellt. Ich bin nicht bereit, meine europäische Identität aufzugeben", sagt er und hofft, dass am Ende Vernunft siegt und Anstand. Toleranz und Weltoffenheit - diese urbritischen Tugenden.

Über dieses Thema berichtete der ARD-Jahresrückblick am 19. Dezember 2016 um 23:25 Uhr.

Darstellung: