Nihat als ARD-Teammitglied in Budapest. | Bildquelle: ARD-Studio Wien

Das ARD-Team und der Junge aus Kobane Nihat - auf der Flucht nach Europa

Stand: 21.12.2015 09:24 Uhr

Mit Distanz über Fakten zu berichten, ist Alltag für Korrespondenten. Doch manchmal werden sie auch Teil einer Geschichte. Was unsere Korrespondentin Susanne Glass mit dem Flüchtlingsjungen Nihat erlebt hat, hat sie nicht mehr losgelassen.

Von Susanne Glass, ARD-Studio Wien

"Ich bin aufgeregt", sagt Kameramann Alex, der sonst in jeder Krisensituation ein Fels in der Brandung ist. Und ich war froh, das zu hören. Weil es mir genauso ging. Im Stillen hatte ich mich den ganzen Weg von Wien ins westfinnische Provinzstädtchen Pietarsaari gewundert, dass ich nervös war. Dies war doch ein leichter Einsatz: Dreh eines Familienbesuchs. Allerdings bei einer Familie, von der wir bisher nur einen Sohn kennengelernt hatten: Nihat Kobani, 14 Jahre alt, Kurde aus der syrischen Stadt Kobane.

In den Tagen und Nächten Anfang September vor dem Budapester Ostbahnhof, als Tausende Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen auf ihre Weiterreise hofften, war Nihat unserem Team ans Herz gewachsen. Irgendwann war er beim ARD-Übertragungswagen aufgetaucht und von da ab fast ununterbrochen bei uns. Mit Pantomime klappte die Verständigung auch ohne gemeinsame Sprache. Nihat wollte alles ganz genau wissen: Wie die Technik im Übertragungswagen funktioniert, wie die Mikrophone.

Erstes Foto nach Ankunft in Österreich, das Nihat geschickt hat. | Bildquelle: ARD-Studio Wien
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Dieses Foto hat Nihat dem ARD-Team aus Österreich geschickt.

Unerträgliche Bilder und ein schmerzlicher Abschied

Als wir ihm die Kamera gaben, fand er gleich den Autofokus. Wenn ich Live-Gespräche führte, half er Tontechniker Florian beim Verkabeln. Nihat hatte einen riesigen Hunger zu Lernen. Und Richard, unseren Techniker im Übertragungswagen, nannte er "Papa".

Er konnte seit vier Jahren nicht zur Schule gehen, weil das in Kobane zu gefährlich war. Zur Verdeutlichung führte er die Hand quer über den Hals. Nihat hat erlebt, wie Familienangehörige und Freunde vom IS geköpft worden sind. Mit versteinertem Gesichtsausdruck zeigte er uns auf seiner Facebook-Seite Bilder der Ermordeten. Unerträgliche Bilder. Dann kam die Nacht, in der er sich verabschiedete. Seine Familie hatte mit Schleppern verhandelt, die für die Weiterreise sorgen sollten. Er weinte, wollte noch Fotos mit uns allen machen. Ich gab ihm meine Handynummer und bat ihn, sich zu melden.

Abschiedsfoto mit Nihat Budapest | Bildquelle: ARD-Studio Wien
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Abschied in Budapest - Susanne Glass mit Nihat

Die schönste Nachricht seit langem

Ein paar Tage später saß ich mit Freunden beim Abendessen als mein Handy blinkte: Herzchen, lachende und weinende Smileys, ein Zugsymbol, ein Blumenstrauß und ein Foto. Nihat mit freundlich blickenden österreichischen Polizeibeamten. Die schönste Nachricht seit langem! Von jetzt ab meldete er sich regelmäßig. Mittlerweile hatten wir einen Syrisch-Dolmetscher engagiert. Als wir Nihat das erste Mal anriefen, kam minutenlang nur Schluchzen. Dann war seine Mutter in der Leitung: "Nihat freut sich so sehr. Er kann gar nicht sprechen." Sie erzählte uns, dass die Familie nach Finnland gegangen war, weil dort schon ein Onkel lebt. Dass sie eine Wohnung zugewiesen bekommen haben und dass Nihat wieder zur Schule gehen kann.

Unser Team zu Besuch bei Familie Kobani. | Bildquelle: ARD-Studio Wien
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Wiedersehen mit Familie Kobani.

Nihats Mutter Leila und Vater Ahmed in Finnland. | Bildquelle: ARD-Studio Wien
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Nihats Eltern, Leila und Ahmed Kobani.

Zwei Monate nach unserem Treffen in Budapest reisten wir ins finnische Pietersaari. Kameramann Alex, Übersetzer Obada und ich. Wir wurden empfangen, als gehörten wir zur Familie. Die Kobanis hatten für uns ein Festmahl gekocht. Nihats Mutter Leila, 35 Jahre alt, ist Friseurin, sein Vater Ahmed, 38, Malermeister. Wir lernten auch Nihats jüngere Geschwister kennen. Bruder Ardar, 13, Schwester Valentina, 6, und den Jüngsten, Usman, 2 Jahre alt.

Karte: Finnland mit Pietarsaari und Ungarn mit Budapest
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Von Budapest aus reisten die Kobanis bis nach Finnland.

Nihats Familie in Finnland. | Bildquelle: ARD-Studio Wien
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Familie Kobani hat sich in Finnland eingelebt.

Endlich angekommen

Bei Nihat und seinen Eltern ist die Erleichterung groß, endlich angekommen zu sein. Aber sie haben auch Angst vor der ungewissen Zukunft. Nihat sagt, er fühle so gut wie nichts. Weil er ständig an seine Verwandten und Freunde denke, die im Krieg umgekommen sind. Und an den Teil der Familie, der noch im zerstörten Kobane ist.

Aber als wir ihn in die Schule begleiteten, wo er in einer Integrationsklasse Finnisch lernt und schon erste Freunde hat, da hatte er einen absolut glücklichen Gesichtsausdruck. Wenn er die Sprache gut genug beherrscht, werde ich versuchen, ihm ein Praktikum beim Fernsehen zu vermitteln. Wir haben ihm eine kleine Kamera geschenkt, damit er üben kann.

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