"Je suis Charlie" | Bildquelle: AFP

Jahresrückblick 2015 Paris - Eindrücke, die bleiben

Stand: 23.12.2015 04:27 Uhr

Erst "Charlie Hebdo", dann die Morde und der Terror am 13. November: In Paris hat das Jahr 2015 für viele das Leben verändert. Angst bestimmt die Gedanken, oft in banalsten Situationen.

Von Ellis Fröder und Mathias Werth, ARD-Studio Paris.

Frankreich, das Land, in dem wir leben und arbeiten, wird vermutlich nie wieder so sein, wie es noch vor einem Jahr war. Dieses Jahr 2015 hat Frankreich verändert und uns, die Korrespondenten, die über die Gewalt, die Morde, den Terror berichten mussten, auch.

Seit dem 7. Januar, seit den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo mit zwölf Toten, ist Frankreich ein Land im Ausnahmezustand und wir in einem Ausmaß mit Gewalt konfrontiert, wie wir es in einer Stadt wie Paris nie erwartet hätten.

Anschlag auf "Charlie Hebdo" in Paris | Bildquelle: AFP
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Der Anschlagsort , die Straße der Redaktion "Charlie Hebdo" in Paris.

10 Jahre Kanzlerschaft Merkel: Kundgebung Charlie Hebdo | Bildquelle: dpa
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Symbolisches Zusammenstehen nach dem Anschlag.

Immer neue Terrormeldungen

Der Terror hat das ganze Jahr bestimmt. Nach dem Januar gab es ja noch eine Reihe kleinerer oder glücklicherweise misslungener Gewalttaten: in Nizza, in Lyon, im Pariser Vorort Villejuif und im Thalys-Schnellzug nach Paris. Dann aber kam der 13. November. Der Tag, an dem 130 Menschen hier in Paris, in unserer Stadt, ermordet wurden.

Es war ein überraschend warmer Novemberabend, ein Freitag. Der Arbeitstag im ARD-Studio war schon beendet. Wir saßen im Bistro oder schauten das Fußballländerspiel Frankreich-Deutschland im Fernsehen. Während der Liveübertragung waren Explosionen zu hören. Die Erste hätte man noch für einen Böller halten können, die Zweite aber war schon wesentlich heftiger.

Wir ahnten es da schon und bekamen kurz darauf die ersten Meldungen: Es ist etwas passiert. Aber was tatsächlich in diesem Moment vor sich ging, das wussten wir zu Beginn dieser furchtbaren Nacht natürlich nicht genau. Wie auch? Das ganze Grauen dieser Tat wurde uns erst im Nachhinein bewusst.

Unmittelbar nach dem Sturm des Bataclan durch die Polizei werden die verletzten Überlebenden in Sicherheit gebracht. | Bildquelle: ARD-Studio Paris
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Unmittelbar nach dem Sturm des Bataclan. Überlebende werden in Sicherheit gebracht und versorgt.

An der Absperrung zum Bataclan, dort wohin später auch noch einer der mutmaßlichen Attentäter zurückgekommen war, wie sich auf späteren Handydaten rekonstruieren ließ. | Bildquelle: ARD-Studio Paris
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Einer der mutmaßlichen Attentäter soll später zum Bataclan zurückgekommen sein - ließ sich aus Handydaten rekonstruieren.

Berichten vom Anschlagsort

Ein Team fuhr raus in die Stadt zum Konzertsaal Bataclan, wo die Terroristen sich noch mit vielen Menschen verschanzt hatten. Und dort standen wir per Zufall an einer Polizeiabsperrung in einer Nebenstraße, als die Verletzten aus dem Bataclan getragen wurden. Die Sanitäter machten ihre Arbeit gut. Es war eine gespenstisch ruhige Atmosphäre, niemand schrie. Als Journalist funktioniert man in diesem Moment genauso. Man erledigt seine Arbeit. Man sortiert: Was weiß ich? Was weiß ich nicht? Wie kann ich den Schrecken in Worte fassen, ohne zu dramatisieren?

Aber dann sieht man diese vielen Verletzten, junge Leute. Manche äußerlich unversehrt, aber mit einem Schrecken in den Augen, den man nie vergisst. Manche mit furchtbaren Verletzungen: einer jungen Frau, fast noch ein Mädchen, war eine Körperseite weggeschossen worden. Es sind Bilder wie diese, die seit dem 13. November immer wieder hochkommen. Oder der Moment am nächsten Tag, als die Freunde und Verwandten der Toten an der Absperrung vor dem Bataclan standen und um ihre Kinder, ihre Liebsten, ihre Freunde weinten. In solchen Momenten bricht man auch als Journalist, der dabei steht, um zu berichten, innerlich zusammen.

Ist die Angst im Alltag angekommen?

Spätestens mit diesem 13. November hat sich unser Alltag in Paris komplett verändert. Auch wir merken, wie die Angst die Gedanken bestimmt, oft in banalsten Situationen. Einmal, in der Metro, gab es einen Knall, das Licht fiel aus, der Zug blieb stehen. Sofort waren alle starr vor Schreck. Wenn ein Moped eine Fehlzündung hat, wenn Reifen laut quietschen, zucken auch wir zusammen.

Den ganzen Tag hören wir Martinshörner. Es ist die normale Geräuschkulisse in Paris seit dem 13. November. Das sorgt für Anspannung. Genau wie die allgegenwärtigen Sicherheitskräfte, die schwer bewaffneten Polizisten. Manchmal blicken wir auf die Einsatzkräfte mit ihren kugelsicheren Westen, sind dankbar, dass sie da sind, aber denken: Was ist das hier? Diese permanente Präsenz von Gewalt, das passt doch eigentlich gar nicht zu unserem Leben.

An der Place de la Républic liegen Tausende Blumen und Abschiedsbriefe an die Getöteten der Attentate vom 13.11.2015 | Bildquelle: ARD-Studio Paris
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Paris trauert um die Toten des 13.11.

Was bleibt?

Und nun geht das Jahr zur Neige: mit dem Klimagipfel in Paris, mit den Zugewinnen des rechtsextremen Front National. Und wir schneiden die Jahresrückblicke, beginnend mit den ersten Morden, denen vom 7. Januar. Und wir merken: Wir hatten noch gar keine Zeit, das alles zu verarbeiten. Wir sind noch immer emotional tief betroffen und gleichzeitig extrem erschöpft von diesem Jahr. Genauso wie vermutlich die meisten Menschen in diesem Land.

Wir ahnen, dass wir diese Erlebnisse vermutlich für den Rest unseres Lebens nicht loswerden. Vermutlich wird die Zeit diese Wunden nicht heilen können. Das Jahr 2015 wird bleiben. Unsere große Hoffnung ist, dass es nun zumindest in Ruhe zu Ende geht.

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