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Richter ordnet Schließung eines Stahlwerks in Apulien an
Tausende Jobs wegen Umweltverschmutzung gefährdet
Im süditalienischen Apulien soll auf Anordnung eines Richters ein Stahlwerk geschlossen werden - eine Hiobsbotschaft für die strukturschwache Region, die Protest auslöste. Der Richter sah keine andere Möglichkeit, die Umweltverschmutzung zu stoppen. Die Frage ist: Gesundheit oder Arbeit?
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
Der dänische Schütze Anders Golding hat gerade bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille errungen, und er widmete sie den Arbeitern der ILVA. Die ILVA ist eine Stahlfabrik, ganz im Süden Italiens, in Taranto. Sie wurde vor einer Woche von einer Untersuchungsrichterin wegen zu hoher Schadstoffbelastung geschlossen. Seitdem gibt es jede Menge Solidaritätsbekundungen für die Arbeiter des Stahlwerks. Der Däne Golding trainiert im Winter auf dem Werksgelände und sagt: "Man kann doch niemandem einfach so die Arbeit wegnehmen".
"Doch, man kann", sagt Generalstaatsanwalt Giuseppe Vignola, der einen unmittelbaren Zusammenhang sah zwischen den Emissionen des Hochofens und den zahlreichen Krebs- und Herzerkrankungen in der Stadt Taranto. "Wir hatten keine Wahl. Heute habe ich in den Zeitungen gelesen, es gäbe auch andere Möglichkeiten. Welche denn? Wir mussten in dieser Situation diese Vorkehrung treffen", begründet Vignola die Entscheidung.
Gesundheit oder Arbeit?
Natürlich weiß die Justiz, wie wichtig dieses Stahlwerk ist. Es ist eines der wenigen großen und erfolgreichen Unternehmen in der strukturschwachen Region Apulien. Doch welcher Preis soll dafür gezahlt werden? Ein kranker Arbeiter klagt an: "In meiner Abteilung sind drei meiner Kollegen gestorben. Es kann doch kein Zufall sein, dass vier Arbeiter einer Abteilung dieselbe Krankheit haben."
Was ist wichtiger: Die Gesundheit der Arbeiter oder der Arbeitsplatz? Die Politiker tun sich schwer, Position zu beziehen in einem Land, das monatlich neue Rekorde bei den Arbeitslosenzahlen melden muss. Selbst Nichi Vendola, der Präsident der Region Apulien, der einer Partei angehört, die den Umweltschutz im Namen führt, denkt in erster Linie an den Arbeitsmarkt: "Die ILVA stellt den Großteil des Stahls her, der in der italienischen Metallindustrie weiterverarbeitet wird. Die ILVA beschäftigt direkt 12.400 Menschen und indirekt hängen weitere 7000 bis 8000 Arbeitsplätze davon ab. Das sind gigantische Dimensionen."
Gesundheit UND Arbeit!
Heute erlebte die Industriestadt Taranto wohl eine der größten Demonstrationen ihrer Geschichte. Die Gewerkschaften hatten zu dem Protest gegen die Schließung des ILVA Werks aufgerufen. Tausende kamen. Allerdings störten Gegner die Kundgebung, die Polizei musste eingreifen.
Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen, viele Arbeiter sind wütend und skeptisch. Sie misstrauen den Gewerkschaftern, den Politikern und der Firmenleitung. Sie fordern Investitionen in den Standort. Denn ihnen geht es um beides: die Gesundheit und den Arbeitsplatz.
"Wir sind abhängig von der Arbeit und der Umwelt. Es ist doch logisch, dass man so nicht leben kann. Wenn sie uns die Arbeit nehmen, nehmen sie uns alles. Viele haben Kredite auf ihren Häusern, viele haben Familien", sagt ein Arbeiter.
Selbst der Papst im fernen Rom mischte sich in den Konflikt um das Stahlwerk ein. Das Recht auf Arbeit müsse genauso geschützt werden wie die Gesundheit, sagt Benedikt XVI. und fordert in diesem Sinne eine "gerechte" Lösung. Doch die wird für Italien in jedem Fall teuer.
Arbeitsplätze oder Umweltschutz?
T. Kleinjung, BR Rom
02.08.2012 16:09 Uhr
Stand: 02.08.2012 15:42 Uhr
