Mafia-Boss Toto Riina, aufgenommen bei seiner Festnahme am 16.1.1993 in Palermo. | Bildquelle: dpa

Mafia-Boss Riina Haftverschonung für "die Bestie"?

Stand: 09.06.2017 14:53 Uhr

Mafia-Boss Riina hat unzählige Menschenleben auf dem Gewissen. Nun könnte der schwerkranke Ex-Chef der "Cosa Nostra" vorzeitig in den Hausarrest entlassen werden, um "in Würde" zu sterben. Der Aufschrei in Italien ist groß.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Am 16. November 2013, also vor nicht einmal vier Jahren, war Toto Riina ganz der Alte. Da wurde bei einem Hofgang im Gefängnis abgehört, wie er im Gespräch mit einem Boss der pugliesischen Mafia große Töne spuckte. Die beiden älteren Herren unterhielten sich über alles Mögliche, auch über den Ermittlungsrichter Nino di Matteo, der von Palermo aus immer wieder Prozesse gegen Toto Riina führt. Er müsse enden wie ein Thunfisch, sagte Riina. In Sizilien werden Thunfische auch heute noch abgestochen, bis das Meer rot ist vom Blut.

Immer noch laufen mehrere Gerichtsverfahren, an denen Riina beteiligt ist, sei es als Angeklagter oder als Zeuge. Der "Boss der Bosse", wie sie ihn nannten, ist auch mit seinen 86 Jahren noch mit Disziplin dabei. Gerade erst wurde er wieder per Video aus seinem Gefängnis in Parma zugeschaltet. Davon, dass er im Sterben liegt, kann keine Rede sein. In Haft ist er seit über 24 Jahren, abgeschottet unter verschärften Bedingungen.

Riinas Anwälte pochen auf "Recht, zuhause zu sterben"

Seine Anwälte haben immer wieder den Antrag gestellt, die Strafe müsse in Hausarrest umgewandelt werden. Riina habe ein Recht, zuhause zu sterben, sagte sein Anwalt Luca Cianferoni: "Wenn der Staat glaubwürdig sein will, dann muss er zeigen, dass ihm der Mensch etwas wert ist", erklärte Cianferoni. "Wenn wir das vergessen, dann sind wir Bestien."

Diese Worte sind kein Zufall: Als "Belva" (Bestie) haben italienische Medien Riina bezeichnet. Wegen der vielen Morde, die er angeordnet und begangen hat. Anfang der achtziger Jahre hatten die "Corleonesi" in Palermo das Kommando übernommen. Riina war einer der Brutalsten.

Erteilt Riina aus dem Gefängnis heraus Mordaufträge?

Und auch im Gefängnis blieb Riina ein Mafia-Boss, glaubt Nicola Gratteri, einer der bekanntesten Antimafia-Staatsanwälte Italiens. Die verschärften Haftbedingungen seien eingeführt worden, um zu verhindern, dass Mafiosi wie Riina, die Massaker angeordnet haben, keine Mordaufträge mehr nach draußen schicken. "Meiner Meinung nach ist Riina weiterhin aktiv und schickt Botschaften nach draußen", sagte Gratteri. Die Botschaft vom Thunfisch sei ein Beispiel dafür. Nino di Matteos Polizeieskorte in Palermo wurde seitdem noch einmal verstärkt.

Auch Gratteri, der in Kalabrien arbeitet, hielte es für ein fatales Signal, würde Riinas Haftstrafe in Hausarrest umgewandelt. Denn dann könnte er trotz seines Alters noch besser herrschen, und auch für den Mafia-Nachwuchs wäre das ein schlimmes Zeichen: "Um zu herrschen muss man kein Bodybuilder sein. Man kommandiert mit den Augen, dem Blick, durch die nackte physische Präsenz zuhause", erklärte Gratteri. "Das ist die Botschaft: Ich bin da, ich bin noch wichtig, ich existiere."

Nach allem was man hört, wird Riina in Parma, wo er einsitzt, bestens versorgt und vor allem medizinisch vermutlich besser betreut als zuhause. Er kann in einem Hochsicherheitsflügel des Krankenhauses der Stadt behandelt werden. Schon 2003 hatte er einen Herzinfarkt, der offensichtlich gut verheilt ist.

Angehörige von Mafia-Opfern sind empört

Vor allem die Angehörigen der Mafia-Opfer sind über die Diskussion um seine Entlassung in den Hausarrest empört. Zum Beispiel Salvatore Borsellino. Sein Bruder Paolo, ein Untersuchungsrichter, war im Juli 1992 von einer Bombe der Mafia getötet worden, möglicherweise auf Anordnung Riinas: "Wenn tatsächlich irgendwer die Absicht hat, alte Schulden zu begleichen und Riina aus dem Gefängnis zu entlassen, dann würden sie Paolo Borsellino ein zweites Mal umbringen."

Denn auch dieses Gerücht geht um in Italien: Gerade läuft ein pikanter Prozess in Palermo, in dem es um Absprachen zwischen staatlichen Institutionen und der Mafia geht. Bisher hat Riina dazu nichts beigetragen. Sein Schweigen ist möglicherweise teuer erkauft.

Italien diskutiert über Riina
J. Kitzler, ARD Rom
09.06.2017 14:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juni 2017 um 09:24 Uhr.

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