Interview

Aufräumarbeiten am Atatürk-Flughafen in Istanbul

Anschlag am Istanbuler Flughafen "In der Stadt herrscht ein Gefühl der Angst"

Stand: 29.06.2016 12:41 Uhr

Das Attentat trage "die Handschrift des IS", sagt ARD-Korrespondent Baumgarten. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er die komplizierte Lage der Türkei zwischen dem Kurdenkonflikt im eigenen Land sowie dem IS-Terror - und beschreibt, wie sich der Alltag verändert hat.

tagesschau.de: Herr Baumgarten, die türkische Regierung vermutet die Terrormiliz IS hinter dem Attentat am Istanbuler Flughafen. Wie ist Ihre Einschätzung?

Reinhard Baumgarten: Gewissheit gibt es noch keine. Aber es spricht in der Tat sehr viel dafür, dass der "Islamische Staat" hinter dem Attentat steckt - und nicht etwa die kurdische PKK beziehungsweise deren terroristischer Arm, die "Falken". Der Anschlag auf den Flughafen trägt die Handschrift des IS.

tagesschau.de: Der IS mordet anders als die PKK?

Baumgarten: Er führt seine Anschläge anders aus, ja. Die Angriffe der PKK sind in erster Linie gegen militärische Ziele gerichtet - auch wenn zivile Opfer billigend in Kauf genommen werden. Der "Islamische Staat" dagegen sucht sich bewusst zivile Ziele aus. Ein Beispiel ist der Anschlag auf deutsche Touristen Anfang Januar. Auch das Attentat von gestern Abend passt in dieses Muster. Der IS will Angst und Schrecken verbreiten, den türkischen Staat als wehrlos dastehen lassen. Der größte Flughafen des Landes ist in diesem Kontext ein Angriffsziel mit hoher symbolischer Wirkung.

Lage in Istanbul - einen Tag nach dem Anschlag auf den Flughafen Atatürk
tagesschau 20:00 Uhr, 29.06.2016, Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

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tagesschau.de: Warum trifft es immer wieder die Türkei? Ist es allein der Umstand, dass das Land aus geographischen Gründen besonders verwundbar ist?

Baumgarten: Das ist zumindest der primäre Grund. Die Türkei grenzt nun einmal an beide Kampffelder des "Islamischen Staats", also an den Irak und an Syrien. Für die Terroristen ist es ein Leichtes, sich über die grüne Grenze in die Türkei einzuschleusen und dort Attentate auszuführen. Hinzu kommt, dass der IS durchaus auf Sympathien in Teilen der Zivilbevölkerung stößt, und zwar nicht nur im Irak und in Syrien, sondern auch in der Türkei. Eine solche Unterstützung hat er in Westeuropa nicht. Auch der religiös-nationale Kurs der türkischen Regierungspartei AKP trägt dazu bei. In gewisser Weise wird hier von oben herab ein Nährboden geschaffen für die islamistische Ideologie des IS.

tagesschau.de: Es hieß ja zumindest in früheren Jahren immer wieder, der IS werde von der türkischen Regierung regelrecht unterstützt ...

Baumgarten: Sehr viele Indizien sprechen dafür, dass Ankara den "Islamischen Staat" lange Zeit zumindest hat gewähren lassen. US-Vizepräsident Joe Biden übrigens hat das bei seinem Türkei-Besuch auch sehr offen so gesagt. Allerdings: Mitte 2015 hat Ankara ja entschieden, sich an der internationalen Koalition gegen den IS zu beteiligen. Seitdem greifen die US-Kampfflieger den "Islamischen Staat" nicht mehr nur von Katar oder Saudi-Arabien aus an - sondern nutzen den NATO-Stützpunkt Incirlik im Süden der Türkei. Strategisch ist das ein beträchtlicher Vorteil. Und das bekommt der IS zu spüren.

tagesschau.de: Sind die Anschläge als Rache zu verstehen?

Baumgarten: Zumindest geht es dem IS darum, die Türkei einzuschüchtern. Und was man natürlich ganz klar sagen muss : Der Alltag hier im Land ist ein anderes als vor der Anschlagsserie. Ich stelle das auch bei mir selber fest: In die Istanbuler U-Bahn oder in den Metrobus steige ich nur noch mit einem klammen Gefühl. Und so geht es den meisten Menschen hier. Die Verunsicherung bis hin zu einem Gefühl der Angst ist regelrecht spürbar. Istanbul ist eine extrem verwundbare Stadt mit vielen sogenannten weichen Zielen. Man kann daher nicht ausschließen, dass es sogar noch schlimmer kommt.

Die Fragen stellte H.-R. Dohms, tagesschau.de.

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