Erdogan spricht vor Anhängern in Trabzon. | Bildquelle: dpa

Krise in der Türkei Erdogans Wutreden

Stand: 13.08.2018 03:05 Uhr

Anlässlich des Inkrafttretens verschärfter Zölle hat der türkische Präsident Erdogan die USA erneut kritisiert. Er sprach von einem Wirtschaftskrieg. Die türkische Lira sackt derweil auf ein Rekordtief.

Im Streit zwischen den NATO-Partnern Türkei und USA hat sich der Ton stark verschärft - mit schweren Folgen für die türkische Wirtschaft. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sprach in mehreren kämpferischen Reden von "Kampagnen" gegen sein Land und griff die USA erneut scharf an.

"Ihr versucht, 81 Millionen Türken für einen Pastor zu opfern, der Verbindungen zu Terroristen hat", sagte er - ohne die USA direkt zu erwähnen. "Aber wir haben euren Plot durchschaut und fordern euch heraus." Was die USA mit Provokation nicht geschafft hätten, versuchten sie nun mit Geldpolitik zu erreichen. Es sei "ganz klar ein Wirtschaftskrieg".

Andrew Brunson | Bildquelle: AP
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US-Pastor Andrew Brunson in der Türkei: Die USA fordern seine Freilassung.

Streit um inhaftierten Pastor

Im Zentrum der Affäre steht der Streit um zwei Geistliche. Die USA fordern die Freilassung des US-Pastors Andrew Brunson, der wegen Terrorvorwürfen in der Türkei festgehalten wird. Die Türkei wiederum will, dass die USA den dort lebenden türkischen Prediger Fethullah Gülen ausliefern. Ihn macht Erdogan für den Putschversuch von 2016 verantwortlich.

Nach der Eskalation des Streits in den vergangenen Wochen hatte US-Präsident Donald Trump per Twitter die Verdoppelung der Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der Türkei verkündet. Stahl aus der Türkei wird in den USA seit dem heutigen Montag mit Abgaben in Höhe von 50 Prozent statt bislang 25 Prozent belegt.

Die Strafzölle auf Aluminium aus der Türkei sollen nach Trumps Worten auf 20 Prozent verdoppelt werden. Für diese neuen Abgaben wurde noch kein Datum genannt.

Die türkische Lira steht zum Beginn der Woche weiter stark unter Druck. Im asiatischen Handel sank der Wert der türkischen Währung am Montag im Vergleich zum Euro und zum US-Dollar zeitweise erneut zweistellig. Erstmals mussten mehr als sieben türkische Lira für einen US-Dollar oder mehr als acht Lira für einen Euro gezahlt werden.

Damit setzt sich der Kursverfall vom Freitag fort, als die Lira 15 Prozent zum Dollar verloren hatte. Seit Jahresbeginn beträgt der Verlust der Lira inzwischen fast 50 Prozent.

Aktionsplan gegen Wertverfall

Finanzminister Berat Albayrak kündigte einen Aktionsplan für die Banken und die Realwirtschaft an, um die Märkte zu beruhigen. Die Institutionen würden die notwendigen Maßnahmen ergreifen und mit dem Märkten kommunizieren, sagte der Minister in einem Interview der Zeitung "Hürriyet". Details nannte er nicht. Die türkische Bankenaufsicht teilte zudem mit, die Swapgeschäfte der Banken mit ausländischen Investoren würden auf 50 Prozent ihres Eigenkapitals begrenzt. Das gelte auch für das Spot- und Termingeschäft. Die Lira notierte nach den Ankündigungen im fernöstlichen Devisenhandel etwas fester.

Erdogan lehnt IWF-Intervention ab

Eine Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF), den viele Beobachter anregen, lehnt Erdogan ab. "Wir wissen sehr gut, dass die, die uns ein Geschäft mit dem IWF vorschlagen, uns eigentlich vorschlagen, die politische Unabhängigkeit unsere Landes aufzugeben", sagte er.

Mittlerweile wird nach Einschätzung einiger Analysten an den Märkten schon die Möglichkeit einer Staatspleite durchgespielt. Mitverantwortung für die Krise übernahm Erdogan nicht. Er dementierte mehrmals, dass die türkische Wirtschaft in einer Krise stecke. "Das ist keine Wirtschaft, die bankrott geht, die untergeht oder die durch eine Krise geht", sagte er bei einer Ansprache in Rize.

Wechselstube in Istanbul | Bildquelle: AFP
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Wechselstube in Istanbul: Die Lira ist auf einem Rekordtief.

Die USA als Feindbild

Stattdessen erhob er die USA und den Westen zum Feindbild. Seine Landsleute forderte er zugleich auf, ihre Gastfreundschaft gegenüber Touristen weiter zu verbessern. "Denn sie bringen Euch Dollar (...)."

Außerdem forderte er die einheimischen Unternehmer dazu auf, sich von der erschwerten Wirtschaftslage nicht beeinflussen zu lassen. Er sei nicht nur die Pflicht der Regierung, die Nation am Leben zu erhalten - "es ist auch die Pflicht der Industriellen und der Händler", sagte Erdogan. Zudem warnte er die Firmen davor, Bankrott anzumelden: "Wenn ihr das macht, begeht ihr einen Fehler!" Erdogan verlangte außerdem, dass die Industriellen keine Fremdwährungen ankaufen sollten - das könnte die türkischen Banken noch mehr unter Druck setzen.

Neue Verbündete?

In einem Gastbeitrag in der "New York Times" hatte Erdogan zuvor den USA Respektlosigkeit vorgeworfen. Sollte das so weitergehen, werde seine Regierung damit beginnen, "nach neuen Freunden und Verbündeten zu suchen", schrieb Erdogan. Damit meint er unter anderem Russland.

Das nächste Treffen steht kurz bevor: Am Montag und Dienstag ist der russische Außenminister Sergej Lawrow in Ankara zu Besuch.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. August 2018 um 23:00 Uhr sowie die tagesschau am 13. August 2018 um 05:11 Uhr.

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