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Sozialproteste in Tel Aviv
Israel und die Angst vor "Dschungelkämpfen"
Nach der Selbstverbrennung eines 57-Jährigen diskutiert Israel wieder intensiv über sein Wirtschafts- und Sozialsystem. Wissenschaftler fordern mehr Sozialleistungen. Andernfalls würde es "Dschungelkämpfe" zwischen den Menschen geben. Moshe Silman ringt derweil weiter mit dem Tod.
Von Bettina Marx, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv
Der Hauptdemonstrationszug war schon vorbei, die meisten Medien waren bereits abgezogen. Auf der Kaplanstraße im Herzen von Tel Aviv waren noch einzelne Gruppen von Demonstranten versammelt, die über die soziale Lage in Israel diskutierten.
Ein junger Mann hatte gerade das Mikrofon ergriffen, um über die Probleme des öffentlichen Personennahverkehrs zu sprechen, als hinter ihm plötzlich eine Stichflamme hochschlug. Es dauerte einen Moment bis die Umstehenden begriffen, was geschah, berichtet der Augenzeuge Ido Shor.
"Zuerst sah ich nur Feuer, doch plötzlich sah ich, dass er etwas über sich schüttete und ich verstand, dass es Benzin war und dann zündete er sich an. Wir sprangen auf ihn zu, wir waren zuerst alle geschockt, aber dann begannen alle, Wasser über ihn zu schütten. Jeder schüttete Wasser auf ihn." Moshe Silman wurde mit schweren Verbrennungen zweiten und dritten Grades ins Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte noch immer um das Leben des 57-Jährigen kämpfen.
Tausende Menschen protestieren in Tel Aviv gegen soziale Ungerechtigkeit
tagesschau 20:00 Uhr, 15.07.2012, Richard C. Schneider, ARD Tel Aviv
Bestürzung beim Präsidenten
Das offizielle Israel reagierte mit Bestürzung auf den Akt der Verzweiflung: "Gestern ist etwas Erschütterndes in Israel geschehen und ich und der Oberrabbiner beten für Silmans Gesundung", sagte Staatspräsident Schimon Peres. "Gott möge ihn am Leben erhalten."
Peres hatte den Oberrabbiner von Jerusalem, Shlomo Amar, am Morgen in seiner Residenz empfangen. In einem Interview im staatlichen Rundfunk konnte Amar später seine Tränen nicht zurückhalten, als er auf die Verzweiflungstat des Mann angesprochen wurde.
"Es ist ein Schmerz für uns alle, arme Menschen zu sehen. Das ist ein sehr tiefer Schmerz, wenn ein Mensch nichts zu essen hat und seine Kinder nicht ernähren kann. Das ist wirklich schrecklich. Gott möge helfen. Er gebe, dass es eine gutes Erwachen aus dieser Geschichte gibt."
Abkehr vom Neoliberalismus gefordert
Auf Gott will sich der Experte für Wirtschaft und Sozialpolitik, Itzhak Saporta von der Universität Tel Aviv, nicht verlassen. Er fordert ein Umdenken der Politik, eine Abkehr vom herrschenden neoliberalen Wirtschaftssystem Israels und eine Rückkehr zum Sozialstaat: "Wenn die derzeitige Lage so weitergeht, wird das die israelische Gesellschaft einfach zertrümmern. Dann kann man nicht mal mehr von einer Gesellschaft sprechen, sondern jeder wird nur noch für sich kämpfen, um zu überleben. Es wir hier eine Art Dschungelkampf geben", sagt der Wissenschaftler.
"Diejenigen, die in mächtigen Positionen sind, in der Wirtschaft, der Regierung und dem Parlament, müssen verstehen, dass sie dafür verantwortlich sind, die Leute nicht in diese Lage der Demütigung und der fehlenden Menschenwürde zu bringen, sondern eine bessere Gesellschaft aufzubauen", fordert Saporta.
Erschütterung in Israel über Selbstverbrennung
B. Marx, DW Tel Aviv
15.07.2012 19:37 Uhr
Was trieb Silman zu seiner Tat?
Inzwischen ist einiges bekannt geworden über Silman und was ihn zu seiner Tat brachte. Der Sohn von Holocaust-Überlebenden war zu Beginn des Jahrtausends mit seinem kleinen Transportunternehmen in Schwierigkeiten geraten, als Israel in Folge der zweiten Intifada einen wirtschaftlichen Einbruch erlebte. Er wurde krank, verlor seine Wohnung und seinen Führerschein und geriet immer tiefer in einen Teufelskreis von Schulden.
Vor einer Woche schrieb er auf seine Facebook-Seite, dass er an Schwindel leide und Angst habe allein zu sein. Seine Verzweiflungstat hat der sozialen Protestbewegung neue Brisanz verliehen. Gestern markierten Demonstranten in ganz Israel den Jahrestag der Bewegung, die vor einem Jahr in Tel Aviv mit dem Protest einer Studentin begonnen hatte, die sich keine Wohnung leisten konnte. Im Gegensatz zum letzten Jahr kamen gestern aber nur wenige Tausend Menschen zu den Protestkundgebungen.
Stand: 15.07.2012 20:28 Uhr
