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Erster Jahrestag der Demonstrationen in Israel

Soziale Proteste durch Selbstverbrennung überschattet

Am Jahrestag der sozialen Proteste in Israel hat sich ein Mann in einem Demonstrationszug in Tel Aviv mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet. Er überlebte schwer verletzt. Nun spricht das ganze Land über sein Schicksal und den Auslöser des Suizidversuchs. Israels Premier Benjamin Netanjahu sagte, die versuchte Selbstverbrennung sei eine "große persönliche Tragödie".

Von Bettina Marx, ARD-Hörfunkstudio, Tel Aviv

"Der Staat Israel hat mich bestohlen und ausgeraubt", stand im Abschiedsbrief von Moshe Silman. Er hatte ihn unter den Demonstranten in Tel Aviv verteilt, bevor er sich mit einer brennbaren Flüssigkeit übergoss und anzündete. Oshrat Kaplan, die sich dem Protest gegen soziale Ungerechtigkeit angeschlossen hatte, wurde zur Augenzeugin der Verzweiflungstat: "Er war in Flammen eingehüllt, sein Hemd war schon verbrannt. Die Leute warfen Wasser auf ihn und rollten ihn auf den Boden, aber er brannte weiter. Die Umstehenden legten nasse T-Shirts auf ihn, um ihn abzukühlen und ich hatte ein Eis in der Hand und wollte es auf seine Wunden legen, um ihn zu kühlen."

Soziale Proteste in Israel von Selbstverbrennung überschattet
B. Marx, ARD Tel Aviv
15.07.2012 12:09 Uhr

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Das Leben von Moshe Silman war aus den Fugen geraten. Der 57-jährige Mann hatte nach einem Schlaganfall seine Arbeit verloren und schließlich seine Wohnung. Aus dem Zentrum des Landes mit den unbezahlbaren Wohnungen war er nach Haifa gezogen. Doch auch dort konnte er nicht Fuß fassen.

Und so kam er nach Tel Aviv zurück und lebte in einem Zelt auf einer Wiese neben einer Schnellstraße - zusammen mit anderen Obdachlosen. Einer von ihnen wundert sich nicht über die Verzweiflungstat, er sieht den Premier am Zug: "Das war zu erwarten. Das ist schon der dritte Selbstmordversuch. Das ist sehr traurig. Die Menschen sind in wirklicher Not. Herr Netanjahu, wachen Sie auf!“

Tausende demonstrieren in Israel gegen soziale Ungerechtigkeit
tagesschau 16:15 Uhr, 15.07.2012, Richard C. Schneider, ARD Tel Aviv

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Jahrestag der sozialen Proteste

Zwei kleine Demonstrationszüge hatten sich gestern Abend in Tel Aviv geformt, um den Jahrestag der Protestbewegung zu begehen, die vor einem Jahr begonnen hatte. Damals waren in ganz Israel Hunderttausende auf die Straßen gegangen, um gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen zu hohe Mieten und Lebenshaltungskosten und gegen die Umverteilung zugunsten der Reichen zu protestieren.

In diesem Jahr waren es nur wenige Tausende Demonstranten, die bei drückender Hitze in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa, Beerscheba und weiteren Städten ihren Protest nach draußen trugen. "Reichtum, Herrschaft, Unterwelt", skandierten die Demonstranten in Tel Aviv und wiederholten die Forderung des letzten Jahres: "Das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit."

Sozialproteste in Tel Aviv
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Die Proteste richten sich vor allem gegen hohe Lebenshaltungskosten und steigende Wohnungsnot.

Benjamin Netanjahu
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Israels Premier Benjamin Netanjahu äußerte in einer Kabinettssitzung Besorgnis über den Suizidversuch.

Lage unverändert drückend

Yossi Dov, ein junger Mann, der sich mit seinen Freunden dem Protest in Tel Aviv angeschlossen hat, fand, dass sich nicht viel geändert hat seit letztem Jahr: "Es gibt viele Probleme. Das ganze System funktioniert nicht. Die Lebenshaltungskosten sind zu hoch, die Mietpreise sind problematisch. Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie es weiter gehen soll. Wenn das so weiter geht, wird die Lage nur schlimmer werden.“

Die Protestbewegung in Israel sehe sich als Teil einer globalen Bewegung gegen soziale Ungerechtigkeit, so der junge Mann. Doch es ist erst die Selbstverbrennung von Silman später an diesem Abend, die das Thema wirklich wieder in die Schlagzeilen bringt. Beobachter in Israel erinnern an die Selbstverbrennung von Mohammed Bouazizi, die vor anderthalb Jahren die Revolution in Tunesien ausgelöst hatte.

Stand: 15.07.2012 13:30 Uhr

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